„Der Brief macht mir große Sorge, Wilhelmine! — Lies ihn mir noch einmalvor, damit wir den Inhalt überlegen und einen Entschluß fassen können!"
Neugierig öffnete ihn Frau Albrecht; er war mit fester deutlicher Geschäftshandgeschrieben, die nicht die schon ältere Dame verrieth, und lautete:
«Herr Förster!
Erlauben Sie mir hierdurch eine Anfrage. Wären Sie geneigt einen jungenMenschen, lassen Sie mich nur gleich sagen meinen Enkel, als Eleven oder Pensionär»für ein Jahr, vielleicht auch länger bei sich aufnehmen?
Er ist 16 Jahre alt, hat Ostern die Schule verlassen, und ist von zarter Gesund-heit, weshalb ich Beschäftigung in der freien Luft zuträglich für ihn halte. Zugleich istes für ihn, der nach seiner Mündigkeit die Verwaltung dreier Güter antreten soll, er-forderlich, daß er die nöthigen Kenntnisse dazu erlangt, und müssen sich diese auch aufdas Forstsach erstrecken.
Vor allen Dingen aber liegt mit bei seiner Jugend daran» ihn den Händen einestüchtigen verständigen Mannes zu übergeben, als welcher Sie genugsam bekannt sind.Können Sie daher auf meinen Wunsch eingehen, so lassen Sie es mich morgen missen»wo ich Ihnen dann Waldemar vorstelle» und das Weitere mit Ihnen überlegen werde»
Mit aller Hochachtung
Eleonore Gräfin v. Steinhorst."
Frau Albrechts Hand sank in den Schooß, sie blickte auf ihren Onkel, der sich undsie fast mit Tabakswolken umgeben und langsam sagte:
«Nun, Wilhelmine, was meinst Du zu dem Vorschlag der Gräfin?"
„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Onkel", entgegnete diese nachdenklich.«Wie richtig auch Alles ist, was sie schreibt, wundert es mich dennoch, daß sie, die alsadelstolz bekannt ist, und für ihren Enkel gewiß «in Unterkommen in Familien ihresStandes finden könnte —"
Diesen dem Förster von Vahrenwald übergeben will, nicht wahr?" ergänzte derFörster mit gerunzelter Stirn.
„Nun ja, Onkel —"
„Du hast nicht unrecht, Wilhelmine, und auch ich hätte es von der Gräfin kaumgeglaubt. Außerdem", setzte er nach einem liefen Zuge aus seiner Pfeife hinzu, „willmir der Gedanke nicht in den Sinn» daß wir wiederum mit Adeligen in Verbindungtreten, nachdem ich mit ihnen abgethan zu haben gemeint, nachdem so lange Jahre dar-über hingegangen daß —" und innehaltend blies der Förster gewaltige Rauchwolken vorsich hin.
Auch seine Nichte blickte schweigend in's Weite, über die ihr liegende Grasflächehinweg, in den dichten Wald, der im saftigen Sommergrün, beleuchtet von der Nach-mittagssonne vor ihnen lag. Nach längerer Pause sagte sie in herzlichem Ton:
„Laß die Vergangenheit ruhen, Onkel, und wecke nicht die Todten, die so langesanft geschlummert! — Denke nicht an jene Zeit zurück-"
„Wilhelmine", stieß fast heftig Kohring hervor, „kann ich denn unterlasse», daranzu denken, wenn ich doch das verwaiste Kind um mich habe, und täglich und stündlichdaran erinnert werde, was es in zarter Kindheit verloren, und verloren durch dieSchuld — —"
„Onkel, ich bitte Dich nochmals, sprich nicht weiter", unterbrach ihn, Thränen imAuge, feine Nichte.
«Ich muß, Wilhelmine, es muß einmal wieder über meine Lippen!" fuhr hastigder Förster fort. „Nachdem sieben Jahre darüber hingegangen» daß der Adelstolz undHochmuth eines Menschen, dreien der Meinigen das Leben gekostet, und mich gezwungen,die alte Heimath und theure Freunde zu verlassen, ich schwer, unaussprechlich schwergelitten, und geglaubt, für alle Zeiten mit Seinesgleichen fertig zu sein, kommt plötzlichdiese Gräfin Steinhorst mit ihrem Anliegen --"