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„Schlag es ihr ab", unterbrach Frau Albrecht, „es wird sich schon ein gütigerGrund dazu finden! Thue das lieber jetzt, damit nicht später Dich der Anblick des jungenMenschen aufregt und Dir schadet."
„Du hast Recht, Wilhelinine", entgegnets ruhiger der Förster und nahm dasSchreiben vom Tische auf. Was kümmert uns auch der Enkel der Gräfin Stcinhorst,den ich im Leben noch nie gesehen!" und langsam den Brief entfaltend, begann er ihnnoch einmal zu lesen. Seine ihn aufmerksam beobachtende Nichte gewahrte bald, daß inseinen Zügen eine Verändeung vorging; der traurig düstere Ausdruck schwand etwas«
„Wilhelmine", sagte der Förster, „wir wollen noch keinen Entschluß fassen, ich willnur die Sache bis morgen überlegen."
„Thue das Onkel," antwortete ruhig Frau Albrecht, „und laß uns jetzt von andernDingen reden. Ich will die Zeitungen holen-"
„Sieh einmal die Landstraße hinunter," fuhr lebhafter der Förster fort, „kommt danicht ein Wagen durch den Wald? Wahrhaftig! und ich glaube, es sind die vier Füchseder Gräfin! Sollte sie es gar selbst schon sein?"
„Unmöglich, Onkel, sie hat ja kaum den Brief geschickt!"
Den habe ich gleich am Nachmittag in Empfang genommen, und sie mag Eilehaben!" erwiderte Kohring und den Brief in die Brusttasche steckend, erhob er sich lindthat einige Schritte um die Rasenfläche. Bald sah er, daß er sich nicht getäuscht. DerWagen kam näher, fuhr auf den Forsthof und hielt nach wenigen Sekunden vor dem
Wohnhause. Den Schlag öffnend half er der Gräfin beim Aussteigen, die ihn und
seine Nichte förmlich begrüßte, während der Wagen bei Seite fuhr. Sie war eine kleineFrau von zartem Körperbau, die bereits das sechzigste Jahr überschritten, mit ernstenstrengen Gesichtszügen, denen man es ansah, daß auch ihr das Leben Sorge und Kummer
gebracht, ein Ausdruck, dem die kalt und gemessen blickenden hellblauen Augen nicht
widersprachen. Kaum hatte sie der Höflichkeit genügt, als sie sich an Kohring wendendhastig fragte:
„Wie ist es, Herr Förster, haben Sie meinen Brief gelesen, und meinen Vorschlagerwogen?"
„Meine Nichte und ich haben soeben darüber gesprochen, Frau Gräfin", antworteteKohring, sie zu der Bank führend.
„Und meinen Sie darauf eingehen zu können?"
„Wir haben noch keinen Entschluß gefaßt!"
„So lassen Sie uns die Sache jetzt besprechen und wenn möglich abschließen", fuhrdie Gräfin mit unverkennbarer Aufregung fort. „Ich habe nämlich diesen Nachmittageinen Brief von meiner Tochter bekommen, dir, was Sie wohl kaum wissen, an einenGutsbesitzer in Schlesien verheirathet ist. Durch einen unglücklichen Sturz vom Pferdskränklich geworden, ist augenblicklich der Zustand meines Schwiegersohnes sehr bedenklich,so daß sogar die Aerzte eine Gehirnerweichung für ihn befürchten. Meine durch dieseErklärung schwer getroffene Tochter wünscht meinen baldigen Besuch, da auch um dieseZeit ihre älteste Tochter sich verheirathet, und sie sehr in Anspruch genommen wird. Eswar meine Absicht, nachdem ich Waldemar untergebracht, den Winter in Schlesien zuverleben, doch hatte ich nicht daran gedacht, daß sie meiner schon so bald bedürftig sei!"
„Sollte der jünge Graf Sie nicht gern begleiten wollen?" siel der Förster ein.
„Das ist mir gleichgültig", entgegnete sie mit kälterer Stimme, „er muß sich dareinfügen, was ich für rathsam halte. Doch ich habe Ihnen das Alles geschrieben und frageSie nun, ob Sie meinen Enkel, wenigstens während meiner Abwesenheit hierher nehmenwollen, weil ich sonst kaum weiß, wo ich ihn unterbringen soll", und ihre Gesichtszügenahmen einen berümmerteu Ausdruck an.
(Fortsetzung folgt.)