Ausgabe 
(26.5.1883) 42
 
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Die sixtinische Kapelle in Rom .

Mit Schmerz las Einsender dieser Zeilen in Nr. 39 derNeuen Augsburg«Zeitung" eine Notiz, datirt Nom, 12. Februar 1883 folgendes:Wie dieCapitale "versichert, wird der einst weltberühmte Chor in der sixtinischen Kapelle immer kleinerund unbedeutender. Der ganze Chor soll nur aus wenigen Sängern dritten Rangesbestehen. Hoffentlich ist die Meldung derCapitale " nicht buchstäblich wahr, wenn aber,so ist der schwerwiegende Inhalt obiger Zeilen der, daß die sixtinische Kapelle in Bäldeaufgelöst sein dürfte. Es ist deßwegen wohl ganz und gar opportun, in kurzen bündigenSätzen der sixtinischen Kapelle auch in diesen Blättern, welche stets für das Schöne undEdle ihre Spalten öffnen, zu gedenken.

Ein doppelter Begriff -liegt in den Wortensixtinische Kapelle ". Für's erste be-zeichnet man damit eine der Hauptsehenswürdigkeiten Noms im Vatikan , für's zweitewird damit die Gesangesschule selbst bezeichnet, welche feit Jahrhunderten unsterblichenNamen führt, an welcher die größten Meister gewirkt, und in welcher Compositionen zuGehör geführt wurden, wie sonst vielleicht nirgends. Die Kapelle selbst, schlechthin auchnach dem Papst Sirius IV. (14711484) Sixtina genannt, wurde 1473 durch denrömischen Baumeister Pintelli angelegt. Dieselbe ist ungemein reich ausgestattet und stelltein Muster architektonischer Schönheit dar. Das Schönste in derselben ist das Fresko-Gemäldedas jüngste Gericht", von dem Maler Michael Angelo (geb. 1474, gestorbenzu Rom 1504), welcher dasselbe unter dem Papste Clemens VI !. innerhalb des Zeit-raumes von sieben Jahren malte. Das Bild hat die kolossale Höhe von 60 Fuß undnimmt die ganze Altarmand der Kapelle ein. In dieser Kapelle werden die unsterblichenWerte eines Palestrina , eines Allegri u. s. w. aufgeführt von der weltberühmten Sänger-schule, der sixtinischen Kapelle. In Nom bestanden seit dem Papste Gregor den: GroßenSängerschulen, berühmt weit und breit, aus diesen Schulen nun wurde die sixtinischeKapelle gebildet, und war so gleichsam die Elite der Elite. Das Institut wurde gegründet1545 unter Papst Paul III. (15341549), gerade in einer Zeit, in welcher der kirch-liche Gesang ausarten wollte, so daß das Concil von Trient ausdrücklich befehlen mußte:al» ooolcsiis varo urusioas aas, ubi snD ur->Äiu>, oivs cniitu lauoivuin uut impurumali^uict mii-cmtur, nrosant.^ Palestrina selbst, welcher durch seinenstssu Llarealli"den Ehrenamen eines Homer der älteren Kirchenmusik sich erwarb, und sich desgleichendurch seineImpro^Lria" unsterblichen Ruhm erworben, war eine Zeit lang Vorstandder sixtinischen Kapelle, wurde aber wegen Verheirathung unter Papst Paul entlassen,später wieder aufgenommen, weil ein Palestrina nur allein der damalige Dirigent seinkonnte. Die Mitglieder der Kapelle dürfen nämlich nicht verheirathet, und nicht überdreißig Jahre alt sein; sie müssen aus guter Familie stammen und dürfen noch niegerichtlich bestraft worden sein. Alle haben priesterliche Kleidung und die Tonsur zutragen, und müssen fünf verschiedene Prüfungen bestehen im Choral-, im Figuralgesangund im Contrapunkt. Daß sämmtliche Mitglieder sich nur aus den tüchtigsten, geschultestenSängern rckrutiren, mag auch daraus erhellen, daß Proben nur im äußersten Nothfallgehalten werden. Die Sänger haben bei allen gottesdienstlichen Handlungen, die derPapst selbst vornimmt, den Gesang zn besorgen, und jedes: muß. demselben bei seinerAufnahme, welche durch Abstimmung geschieht, Treue geloben. Zu dem Archiv, in welchen:sich gegen fünfhundert Gesangesstücke befinden, die sonst nirgends auf der Welt sind,hat außer dein jeweiligen Kapellmeister Niemand Zutritt, außer der heilige Vater gäbespeziell seine Erlaubniß dazu. Der letzte berühmte Direktor war Baust, der jetzige heißt,wenn wir uns nicht täuschen, Mustapha. Das Großartigste, was man in Musik undGesang leisten kann, wird von der Kapelle aufgeführt in der heiligen Charwoche , unddie Perle aller Aufführungen ist die des Miserere am heiligen Charfreitag. Dasselbeist von Gregorio Allegri, neben Palestrina der berühmteste Componist aus der altitalienischenSchule, Hnd ist zweichörig. Dasselbe muß wirklich großartigen, gewaltigen Eindruckmachen. Kaiser Leopold I. (16571705) erbat sich eine Abschrift, die er auch erhielt;