Ausgabe 
(30.5.1883) 43
 
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Anna blickte sie überrascht an, sah dann auf ihren Großvater und ihre Tanteund mußte in deren Augen eine Bestätigung gelesen haben, denn sie sagte;

Ihren Enkel, Frau Gräfin ? Ist das wohl der große Junge, der mit Ihnenin der Kirche war?"

Ueber die ernsten Züge des Försters und seiner Nichte huschte ein Lächeln, dieGrüsin aber erwiderte ruhig:

Ja, mein Kind!"

Was soll er bei uns?" fuhr Anna unbeirrt fort.Geht er nicht mehr in dieSchule?"

Nein, er hat sie verlassen und wird bei Deinem Großvater arbeiten."

Will er auch ein Förster werden?"

Jetzt überflcg der Gräfin Angesicht ein leises Lächeln und dann das Kind forschendund prüfend ansehend erwiderte sie:

Nein, er muß Landmann werden, denn er hat von seinem Vater drei Gütergeerbt. Weil aber zu diesen große Waldungen gehören, soll er hier lernen" ,

O, ich weiß es schon", unterbrach sie Anna lebhaft,ich weiß, was die Jäger-burschen und Forstgehülfen bei meinem Großvater lernen und habe oft gesehen,"

Du spielst wohl viel im Walde und bist dort lieber, als in der Schule?" sagtemit merklicher Betonung die Gräfin.

Kohring und seine Nichte blickte,« erwartungsvoll auf Anna, welche auch sogleichmit einen« ruhigen Blick auf diese entgegnete:

»Ich spiele nie im Walde, Frau Gräfin, und gehe nur dorthin, wenn es sein muß,und mein Großvater und meine Tante es wünschen. I» einer Schule bin ich nochgar nicht gewesen-"

Anna blickte rathlos auf ihren Großvater und ihre Tante, welche der Gräfin er-klärte, «vie es sich mit dieser Sache verhielt und was in dieser Beziehung ihr Onkel fürseine Enkelin zu thun gedachte. Nach einigen Augenblicken erhob sie sich, »vas ihren»Kutscher das Zeichen vorzufahren war. Noch einmal erklärend am folgenden Morgenmit ihrem Enkel kommen zu wollen, nahin sie von der Familie Abschied und verließ denForsthof. Ihr nachblickend, als sie auf der Landstraße dahin fuhr, sagte Anna, denArm um ihres Großvaters Schultern legend:

Großvater, die Frau Gräfin gefällt mir nicht, «vie ich das rvohl immer gedacht,wen» sie mir auch das Geld für Frau Steffen gegeben!"

Weshalb nicht, «nein Kind?" fragte Kohring, die Pfeife wieder zur Hand nehmend»und sah zugleich in die ernstblickenden Augen seiner Enkelin.

Sie ist gewiß recht strenge-aber ich kann das rechte Wort nicht finden-"

Gib Dir deshalb keine Mühe, Anna", entgegnete ihr Großvater und that dieersten Züge aus seiner Pfeife.Wir werden sie den ganzen Winter nicht wiedersehen,denn sie' reist schon in diesen Tagen zu ihrer Tochter."

Das freut mich aber ihres Enkels wegen. Wie heißt er?"

Sie nannte ihn Waldemar."

Es wird Waldemar bei uns gewiß besser gefallen, als in Steinhorst. Wennihm drei Güter gehören, so ist er wohl sehr reich?"

Noch nicht, Kind, doch kann er, wenn er fleißig und sparsam ist, es einmal werden.Sein Vater und Großvater haben sehr viel Geld gebraucht, mehr als sie gehabt und er undseine Großmutter «nüssen das wieder bezahlen. Doch das verstehst Du noch nicht-"

Nein, Großvater", erwiderte Anna nachdenklich, das verstehe ich noch nicht. Wennich aber größer und älter bin-"

Ja, Kind, wenn Du größer und älter bist, wirst Du Manches sehen, hören undverstehen lernen, von dein Du jetzt keine Ahnung hast", erwiderte Kohring und that hastigeZüge aus seiner Pfeife, ein sicheres Zeichen, daß schwere, traurige Gedanken sich seinerbemächtigt.