Ausgabe 
(30.5.1883) 43
 
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XIV.

Junker Walbemar war im Försterhause von Vahrenwald eingezogen und am nächstenTage die Gräfin nach Schlesien abgereist. Seitdem waren mehrere Wochen verflossen,man hatte den neuen Hausgenossen kennen gelernt und sich an ihn gewöhnt. Seineäußere Erscheinung entsprach der Beschreibung seiner Großmutter; er war klein undschmächtig, hatte eine bleiche Gesichtsfarbe, hübsche, offene, doch kindliche Züge, braune,etwas träumerisch blickende Angen und reiches, hellbraunes Haar.

Durch ein bescheidenes, aufmerksames Betragen gewann sich Waldemar bald AllerZuneigung, wie man ihm auch mit Freundlichkeit entgegen kam. Dem Förster schloß ersich besonders an, und widmete sich den ihm neuen Arbeiten in Wald und Flur mitgroßem Eifer. Er und Anna standen auf geschwisterlichen, Fuße, doch blickte sie vollAnerkennung und Bewunderung zu ihm auf, denn ihr war schon klar geworden, daß erviel gelernt, und aufmerksam lauschte Sie, wenn er mit ihrem Großvater über Dingesprach, die sie nicht verstand.

An einem Sonntag Nachmittag unternahm seiner Gewohnheit gemäß, der Förstermit den Seinen, zu denen er jetzt auch den Junker zählte, einen Spaziergang durch denWald, nachdem sie am Morgen die Kirche besucht. Die beiden Jüngsten der Gesellschaftgingen lebhaft plaudernd und von Wolf begleitet voran, während langsam die Aelterenfolgten. Sie eine Weile schweigend betrachtend, sagte endlich der Förster:

Der Junker hat sich allem Anschein nach hier schnell angewöhnt und ist ein an-stelliger Bursche, der sich gebrauchen läßt. Ich habe das auch der Gräfin geschrieben,deren Brief ich bereits beantwortet habe."

Sie hat offenbar das Richtige für ihren Enkel gewühlt", entgegnete Frau Albrecht.

Das hat sie ohne Zweifel, da er sich hier auch körperlich erholt. Ob aber auchwir es gethan" fügte der Förster mit Nachdruck hinzu.

Was meinst Du, Onkel?" fragte schnell seine Nichte.

Sieh doch nur hin", antwortete er, auf die jugendlichen Gestalten deutend, diejetzt ernst und angelegentlich sprachen.Bis auf den Neufundländer erinnern sie michan ein anderes Bild, das mir jetzt so oft wieder vor die Seele tritt!"

Frau Albrecht blickte voll Theilnahme auf ihren Onkel, der nach kurzer Pausefortfuhr:

Noch einmal, Wilhelmine, ich weiß nicht, ob ich recht gethan, den Junker hierherzu nehmen. Wie leicht wie leicht können sie"

Anna ist noch ein Kind, Onkel, und der Junker nicht viel mehr", unterbrachseine Nichte.

So ging es mit Jenen auch", sagte langsam und seine Worte betonend der Förster,

bis sie älter wurden und die Liebe in die jungen Herzen einzog!"

Der Junker wird nur kurze Zeit hier bleiben"

Dennoch müssen wir sie so viel wie eben möglich, zu trennen suche»"

Es wird schwer halten, Onkel. Aber da kommt mir ein Gedanke! Laß unssobald wie möglich eine Erzieherin nehme», die sich fortwährend mit Anna beschäftigt5

Das sollte ja erst im Herbste geschehen", wandte der Förster ein.

Es wird Dich beruhigen, wenn wir uns schon jetzt nach einer solchen umsehen!

Fahre gleich morgen zur Stadt, zum Physikus, der einmal von einer entfernten Ver-wandten gesprochen, und weiß er keinen Rath, so laß uns eine Anzeige machen" ^

Du magst Recht haben, Wilhelmine", entgegnete nach kurzem Bedenken der Förster, j

der einmal diesen Gedanken erfaßt ihn mit seiner Nichte weiter besprach, bis er beschloß,am nächsten Morgen die ersten Schritte zur Ausführung desselben zu thun.

Nach manchen vergeblichen Bemühungen war endlich die Erzieherin für des FörstersEnkelkind gefunden, und diese auch bereits angelangt.

Sophie Dörner war die Tochter der Wittwe eines Arztes in einer mitteldeutschenUniversitätsstadt, und dem Förster und seiner Nichte besonders empfohlen. Einige zwanzig