Ausgabe 
(30.5.1883) 43
 
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Jahre alt war sie, von sanftem, doch bestimmtem Charakter, und verstand es, sich Anna'SLiebe zu erwerben, in der sie eine ebenso fleißige wie begabte Schülerin fand.

Nach den Unterrichtsstunden blieb dieser noch Zeit genug, sich ihrem Großvater,ihrer Tante und den häuslichen Arbeiten zu widmen und war dann Sophie DörnerFrau Albrecht eine liebe Gesellschafterin, auch sagte ihr das Leben in dem einsamenFörstcrhause zu, so daß sie sich dort bald heimisch fühlte.

(Fortsetzung folgt.)

Maiandacht.

Es öffnet sich der Schönheit blühend Reich;

Was hehr und hold, was hoch und auserlesen,

Es huldigt Dir im Wettstreit aller Wesen,

Du Herrliche, der nichts Erschafs'ues gleich.

O laß auch uns ein Blümlein niederlegenAls Gabe Dir an des Altares Fuß!

Dort blüh' es still und trag' als Liebesgras;

Der Andacht heil'gen Odem Dir entgegen. . L.

Der Einzug des Kaiserpaares irr Moskau .

Moskau , 22. Mai.

Das große Ereigniß des Tages hat sich vorschriftsmäßig und glücklich vollzogen.Das kaiserliche Paar hat seinen feierlichen Krönungseinzug in Moskau gehalten. DasWetter war wechselnd. Die Sonne kämpfte mit den Wolken und während eines Theilesder Einzugszeit fiel ein leichter Regen. Stürmischer Jubel, alle erdenklichen Zeichen derHingebung und Huldigung begleiteten den kaiserlichen Zug. Es war gegen Mittag, alsneun Schüsse aus den auf dem Tainizki-Thurm (Tainizki-Thor am Kreml) aufgestellte»Geschützen das Signal zum Beginn des Glockengeläutes von der großen Uspenski-Kathe-drale (Kathedrale der Himmelfahrt Maria Krönungskirche der Zaren und Begräbniß-stätte der russischen Patriarchen) gaben. Inzwischen hatten die Truppen längs denEinzugsstraßen Aufstellung genommen und sich die an dem Einzug theilnehmenden Fürst-lichkeiten, Hofchargen und Deputationen in dem Petrowskipalais einaefunden. Um zweiUhr stieg der Kaiser, der große Generalsuniform trug, zu Pferde, er ritt ein reich-geschirrtes weißes Pferd, sein Gesicht zeigte den ruhigen und etwas melancholischen Ernst,den man an ihm kennt. Als auch die Kaiserin in ihrer Prachtkarrosse Platz genommenhatte, gab der Adjutant das verabredete Zeichen aus den gegenüber dem Petromski-Palais aufgefahrenen Geschützen werden drei Schüsse abgegeben und der Zug setzt sichin Bewegung.

Was das russische Reich an Glanz und Repräsentation aufbieten kann, ist rn diesen»außerordentlichen Zuge vereiirt. Ihn eröffnete ein Polizeimeister und 12 Gendarmen paar-weise zu Pferde, darauf folgte die Eskorte des Kaisers, je eine Schwadron Leibkosakenund Leibdragoner. Dann folgte das Hauptschaustück des Zuges, der sich durch die viatriuinxdalio bewegte, die Deputationen der Rußland unterworfenen asiatischen Völker-schaften paarweise zu Pferde, eine wahre Völkerausstellung. Die Mannigfaltigkeit derKostüme, die Seltsamkeit der Gestalten, ihre würdevolle und getragene Erscheinung gabeneiü Bild von unbeschreiblicher Wirkung. I» den Kreis russicher Uniformen wird manwieder zurückgerufen durch die sich anschließenden Adelsmarschälle, welche den hohen AdelRußlands geleiten, die stolzeste Aristokratie der Welt, zum Theil prächtige und originelleErscheinungen. Die kaiserliche Jägerei zu Fuß und der Leibjäger des Kaisers und derOberjägermeister zu Pferde markiren einen Abschnitt und geben dem Beschauer Zeit, sichzu neuen Eindrücken zu sammeln. Denn jetzt steigert sich die Szene und man wird ge-wahr, daß der Mittelpunkt dieses ungeheuren Aufgebotes der Selbstherrscher, um densich alles bewegt und auf den alles zurückführt, sich nähert. In zehn Abtheilungen zu