346
Dir, mein Kind, ist seit vergangenem Sommer eine große Veränderung vorgegangen.Die wird wohl die Erzieherin und das Lernen bewirkt haben!"
Anna hatte auf diese, in schroffem Ton gesprochene Bemerkung keine Antwort,und ehe noch Frau Albrecht ihr zu Hilfe kommen konnte, fuhr die Gräfin fort:
„Auch Waldemar hat sich hier vortheilhaft verändert, und ich bin Ihnen für dieihm gewidmete Sorge sehr dankbar. Er wird dadurch im Stande sein, größere» An-forderungen als bisher an ihn gemacht sind, zu genügen!"
Diese bedeutungsvoll gesprochenen Worte waren nicht mißzuverstehen, dennoch sagteihr Enkel:
„Welche Anforderungen, Großmutter?"
„Nun, Waldemar", entgegnete sie bestimmt, „Deine Vormünder, wie ich, finden esrichtig, daß Du jetzt die Landmirthschaft praktisch erlernst, und Du wirst zu diesem Zweckenach der Besitzung des Grafen Hohenhausen in Schlesien gehen, was ich auch Ihnen an-zeigen wollte, wandte sie sich an den Förster und seine Nichte.
Diese blickten sich einigermaßen überrascht an, über Waldemar's Gesicht flog einSchatten der Enttäuschung, und Anna's Züge nahmen einen so traurigen Ausdruck an,daß man nur zu deutlich sah, wie schmerzlich sie die Mittheilung berührte.
Nach einigen Minuten fragte Kohring:
„Dann wird wohl der Junker uns bald verlassen, Frau Gräfin ?"
„Er wird in den nächsten Tagen mit Graf Hohenhausen , der nach Steinhorstkommt» abreisen, und da ich vor der langen Trennung wenigstens noch eine» Tag mitihm allein zu sein wünsche, werde ich morgen Vormittag den Wagen schicken! — DasGeschäftliche wird ebenfalls morgen der Verwalter mit Ihnen ordnen, Herr Förster!"
„Wie Sie wünschen, Frau Gräfin , es hat aber keine Eile damit!"
„Doch, doch!" entgegnete sie schnell. „Ich wenigstens liebe es mit einer Sache,die gewesen, und einer Verbindung, die aufgehört, vollständig abgeschlossen zu haben!"
Nach diesen Worten erhob sie sich und fügte, die Försterfamilie mit einem ge-messenem Blick streifend, hinzu:
„Auch unsere Verbindung, so weit sie meinen Enkel betrifft, hat aufgehört, dennochwerden wir uns, als so nahe Nachbarn gewiß recht oft wiedersehen!"
Ohne eine Antwort abzuwarten, dankte die Gräfin dann nochmals für alle ihremEnkel gewidmete Sorge, und nahm mit eine»: forschenden Blick auf Anna's traurigesGesicht Abschied. Darauf bestieg sie den Wagen und fuhr in raschem Trabe davon»In die Kissen sich lehnend, sagte sie nach kurzem Nachdenken:
„Das wäre abgemacht und nach meiner Ansicht zur gelegenen Zeit, denn Waldemarhätte kaum länger in dieser Familie bleiben können, die ihn wie einen der Ihrigen be-trachtet und behandelt. Auch hat er sich ihnen schon zu sehr angeschossen, und hegt einegroße Zuneigung zu des Försters Enkelkind die bei seinem und ihrem bestimmten Charakterleicht dauernd werden könnte! — Jetzt aber wird er diese brüderliche Liebe bald vergessen!Graf Hohenhausen's reizende Töchter werde» ihm ebenfalls gefallen, und eine derselbendenke ich, soll einmal als Gräfin Steinhorst bei uns einziehen, womit auch die Elterneinverstanden sind! — Ein seltsames Kind übrigens, sdiese Anna Herdfeld, mit dem Gesicht,das so viel älter als sie ist, und gewiß auch mit Gefühlen, die über ihre Jahre hinaus-gehen, wenigstens liegt so etwas in ihren seltsamen blauen Augen!"
Diese Gedanken noch weiter verfolgend, fuhr die Gräfin Steinhorst zu, der Förster,seine Nichte und Junker Waldemar besprachen die so baldige Trennung, und übersahendabei, daß Anna das Zimmer verlassen hatte.
»Das ist ein gar schnelles Ende unseres Zusammenlebens, Junker Waldemar",sagte der Förster seine Hand auf dessen Schulter legend, „und wann, und wo wir unswiedersehen, das liegt in der Hand Dessen, der uns so unerwartet zusammengeführt!"
»Sie werden mir doch gewiß erlauben, Herr Förster, von Schlesien aus an Sie zuschreiben", entgegnete der Junker mit ernstem, fast traurigem Gesicht.