Ausgabe 
(2.6.1883) 44
 
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Von Herzen gern, und werden Sie auch Antwort von uns erhalten, das heißt durchweine Nichte, denn, wie Sie wissen, schreibe ich nicht gern! Und jetzt lassen Sie unsin den Wald hinausgehen. Ich möchte noch nach der jungen Buchenpflanzung sehen, diewirksam gegen das Wild geschützt werden muß."

Schon zu Anfang dieses Gespräches war Anna in der Schulstube erschienen, undhatte mit Thränen in den Augen zu ihrer mit einer Vorarbeit für die Unterrichtsstundenbeschäftigten Lehrerin gesagt:

Denke Dir, Sophie, Waldemar geht schon morgen von uns fort. Seine Groß-mutter, die soeben hier gewesen, hat Alles angeordnet!"

Das ist allerdings unerwartet", antwortete die Erzieherin, welcher die geschwister-liche Zuneigung ihrer Schülerin und deS Junkers nicht entgangen.Als künftiger Land-wirth soll er wohl noch Weiteres als bisher lernen "

Ja, und deshalb reist er nach Schlesien ", entgegnete Anna, über deren Wangendie Thänen ihren Weg fanden,und mir wollten diesen Sommer noch so viel zusammenlesen und arbeiten! Auch wollte er mir die Tcppichbeete anlegen, wie er sie in derHauptstadt gesehen"

Das kann ja auch Alles ohne den Junker geschehen", sagte die Erzieherin inruhigem Ton.Wir Beide wollen lesen und arbeiten, und die Teppichbeete werde ichDir schon anlegen, wie ich es oft im Garten meiner Mutter gethan, und die Du sehenwirst, wenn Du mich diesen Sommer zu ihr begleitest!"

Anna schien durch diese Zusage beruhigt, getröstet aber war sie über die so naheTrennung von ihrem judendlichen Hausgenossen nicht, denn als sie sich zu ihren Uebungenfür den folgenden Tag niedersetzte, gelangen ihr diese nicht wie sonst, und sie mußte oftimie halten um die Augen zu trocknen, die dem ersten Schmerz ihres jungen Lebensgalten.

XV.

Fast sechs Jahre der Maimonat ging zu Ende waren verflossen. ImFörsterhause von Vahrenwald waren, seit Junker Waldemar es verlassen und die Ver-änderungen vorgegangen, welche die Zeit mit sich bringt, die uns bekannten Bewohnerdieselben geblieben.

Des Försters Angesicht durchzogen noch liefere Furchen, Haar und Bart waren nochmehr ergraut und seine früher ernste, oft düstere Stimmung hatte fast noch mehr zu-genommen. Nur die kräftige Gesundheit war ihm geblieben, und die stattliche Gestaltmit der aufrechten Haltung, die ihm in früheren Jahren eigen gewesen.

Ueber Frau Albrecht hatten die verflossenen sechs Jahre wenig vermocht; sie warnach wie vor die rührige, umsichtige Hausfrau, die jetzt an Anna eine kräftige Stützehatte.

Christine und Wolf waren wie Frau Albrecht noch im Försterhause. Ersterearbeitete mit unermüdetem Fleiß für die Familie, der sie mit großer Anhänglichkeit zu-gethan war, und der noch im kräftigen Alter stehende Neufundländer war ebenso an-hänglich an seine junge Herrin, wie er an das Kind gewesen, das er vor Jahren aufSchritt und Tritt begleitet.

Die übrigen Hausgenossen hatten gewechselt; es waren andere Forstgehülfen undJägerburschen gekommen, denn unter Förster Kohring seine Studien zu machen, wardvon den jungen Forstleuten stets lange vorher nachgesucht.

Fräulein Sophie Dörner hatte sich seit einige» Jahren schon zu ihrer Mutterzurückbegeben, doch war das freundschaftliche Verhältniß zu der Försterfamilie dasselbegeblieben, und alljährlich hatte sie seitdem einige Wochen in Vahrenwald verlebt.

Mit Anna war während der sechs Jahre die merklichste Veränderung vorgegangen.Sie war zur Jungfrau herangereift und stand im 18. Lebensjahre. Hochgewachsen, warsie jedoch von kräftiger Gestalt, und ein blühendschönes Mädchen geworden, und die einstnach der Gräfin Steinhorst Meinung so alten Gesichtszüge ihrem Alter entsprechend.