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Es wäre Niemanden eingefallen, die leichtgebogene Nase zu groß zu finden oberanders zu wünsche», und die hohe weiße Stirn harmonirte vollständig mit dem oft sinnendernsten Ausdruck der tiefblauen Augen, deren feingezogene Brauen merklich dunkler alsdas goldblonde Haar waren, das in schweren Flechten den zierlichen Kopf umgab. >
Der sinnende Ernst des Försters Enkelkindes war diesem mit der Zeit gekommen,'wo es für seine Familienverhältnisse größeres Verständniß erlangt, und woraus Nach-denken und Forschen gewachsen war. Auch hatte einst Anna ihren Großvater in un-gewöhnlich trauriger Stimmung angetroffen, und ihre Tante, ihm tröstend und beruhigendzuredend, bei ihm. -- In lebhafter Erregung hatte sie nach der Ursache des Kummersgefragt, jedoch von ihm nur die ausweichende Antwort erhalten, die ihr mit abwehrenderHand gegeben worden:
„Du wirst später Alles erfahren, Kind! — Die Zeit wird kommen, wo Du Ver-gangenes kennen lernen mußt, bis dahin aber frage mich, wenn Du mich liebst, nichtwieder, Du würdest mir immer nur einen großen Schmerz bereiten!"
Diese Antwort war nicht darnach, Anna zu beruhigen, und sie wandte sich umAufklärung an ihre Tante. Bei dieser aber war sie nicht glücklicher, denn auf alle ihredringenden Fragen und Bitten hatte Frau Albrecht nur die Erwiderung:
„Begnüge Dich mit Deines Großvaters Erklärung, Anna; sein Kummer und seinSchmerz ist sein Eigenthum, und ohne seine Erlaubniß werde und darf ich nie darübersprechen! — "
Mit dieser Antwort hatte sich Anna zufrieden geben müssen, ihres GroßvatersKummer und Schmerz aber dem frühen Verlust ihrer Eltern und seiner Gattin, und denmöglicherweise dabei stattgehabten traurigen Ereignissen zugeschrieben. Wer jedoch dieseEltern gewesen, welche Stellung ihr Vater eingenommen, ivo ihre erste Hsimath zu suchensei» das wußte sie nicht, hatte auch erst kürzlich darüber nachzudenken begonnen.
In ihrer Erinnerung aber konnte sie weder eine Erklärung, noch einen Anhalt dazufinden, sie entsann sich nur des Försterhauses von Vahrenwald , mit seiner näheren undweiteren Umgebung, in der sie ein so frohes und glückliches Kind gewesen.
In Steinhorst war während der sechs Jahre im Wesentlichen ebenfalls Alles un-verändert geblieben. Die Gräfin lebte daselbst mit derselben Umgebung, und sorgte, soviel sie vermochte, ihr Vermögen wie das ihres Enkels zu vergrößern. Ihr Verkehr mitder Försterfamilie war immer seltener geworden, und seit mehreren Jahren hatten sie sichnur aus der Ferne gesehen. Junker — jetzt Graf Waldemar — war noch nicht wiederin Steinhorst gewesen. Nachdem er mehrere Jahre in Schlesien die Landwirthschaft er-lernt, hatte er diese auch theoretisch studiert, und war darauf zur weiteren Ausbildungauf Reisen gegangen.
Von diesen zurückgekehrt, ward er nach sechsjähriger Abwesenheit auf Steinhorsterwartet, um daselbst zum ersten Mal als Gutsherr zu erscheinen. Im Herrenhaus«waren zu längerem Besuch Frau von Stern und ihre jüngste Tochter anwesend.
Ihr Gatte war im Winter seinen Leiden erlegen, und nach der langen und auf-reibenden Pflege hatte sie sich zu einer Erholungsreise in die Heimath entschlossen.
Graf Waldemar hatte seiner Großmutter geschrieben, daß er am Nachmittag aufder nächsten Eisenbahnstation, einer Landstadt ankommen würde, und dahin war längstein Wagen für ihn abgegangen. Es war derselbe Kutscher, welcher ihn vor sechs Jahre»fortgefahren, und nun ungeduldig auf die schon signalisirte Ankunft des Zuges wartete.
Endlich langte dieser an; Konrad richtete sein Augenmerk auf die Wagen ersterKlasse, welche stets die Gräfin benutzte, sah aber Niemand aussteigen, und wollte schonrnißmuthig den Bahnhof verlassen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und freund-lich eine zwar ihm unbekannte Stimme sagte:
„Konrad, Du hast sicherlich geglaubt, daß ich nicht kommen würde! — GutenTag-«
„Aber da sind Sie ja, Herr Graf!" rief sich hastig umwendend Konrad erfreut,