und stand vor einem stattlichen jungen Mann, den er indeß kaum erkannt hätte. „Will-kommen nach so langer Zeit-"
„Ja, nach sechs Jahren!" erwiderte lebhaft der Graf. „Der Zug hatte sich ver-spätet, besorge daher nur mein Gepäck, damit wir nach Steinhorst kommen."
„Der Wagen ist in dem Ihnen wohl bekannten Wirthshaus«, Herr Graf. WennSie dorthin gehen wollen-"
Graf Waldemar befolgte diesen Rath und begab sich nach dem Gasthause, wo erschon oft als Knabe gewesen. Er wurde von dem Wirth und seiner Gattin freundlichbegrüßt, nahm eine kleine Erfrischung zu sich, bestieg dann den von Konrad vorgeführtenWagen und fuhr der Heimath zu, die er zum ersten Male als Mann betrat.
Der Weg führte zunächst durch die Umgebung der Stadt, eine Reihe von Gärtendie den Bewohnern derselben gehörten, dann durch Wiesen und Felder, an einem an-sehnlichen Dorf vorüber, bis sie an eine Stelle kamen, wo er sich nach verschiedenenRichtungen theilte. Der nach Steinhorst führende ging gerade aus, rechts gelangte mannach einer Fabrikanlage, und weiter in's Land hinein, und auf die links abgehende Land-straße deutend, sagte Konrad sich seinem Herrn zuwendend:
„Das ist der Weg nachVahrendwald. Der Herr Graf werden sich wohl noch erinnern."
Graf Waldemar hatte längst auf diesen Weg geblickt, und welche Gedanken undGefühle sich seiner auch bemächtigt haben mochten, er verbarg sie und antwortete ruhig:
„Gewiß, Konrad! — Warst Du es nicht auch, der mich vor sechs Jahren aus demFörsterhause abholte?"
„Ja, Herr Graf. Sie waren damals, als Sie von dem Förster und seiner FamilieAbschied genommen, recht traurig."
„Dazu hatte ich alle Ursache", entgegnete ernster der junge Gutsherr, „denn ichwar von ihnen wie ein eigenes Kind gehalten!"
„Aus der kleinen Anna ist ein schönes Fräulein geworden", fuhr Konrad fort.
„Hast Du sie kürzlich gesehen?" fragte unbefangen sein Gebieter.
„Ja, noch am Sonntag in der Kirche. Den Herrn Förster werden Sie wohletwas gealtert finden." —
Konrads Aufmerksamkeit wandte sich hier dem Wege zu, der schmal und holperigwar, Graf Waldemar aber lehnte sich gegen die Kissen des Wagens, und blickte nach demWald hinüber, durch den er so oft an Förster Kohrings Seite gegangen, eben so oftaber mit seiner Enkelin, begleitet von dem treuen Wolf, der eine große Zuneigung zuihm gehabt. Konrad's Stimme weckte ihn aus seinem Sinnen, und auf einen großenSandstein zeigend, der in einiger Entfernung von der Landstraße im Felde stand, sagte er:
„Hier fängt Steinhorst an, Herr Graf, und nun sind Sie auf eigenem Grund undBoden. Ich gratulire herzlich, daß Sie gesund und wohl in Ihr Vesitzthum einziehen!"
„Ich danke Dir, Konrad", erwiderte gerührt der Graf, und er reichte dem lang-jährigen Diener die- Hand, und drückte dessen braune schwielige Rechte.
„In einer halben Stunde sind wir dort", fuhr er nach kurzer Pause, währendwelcher er mit der Hand über die Augen gefahren, fort. „Ich habe die Pferds ver-schnaufen lassen, damit sie nun gehörig laufen können. Die Gutsleute sollen doch ausder Ferne hören, das; Sie da sind, denn, daß Sie heute kommen wollten, ist allgemein bekannt I"
Graf Waldemar konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, zugleich bemächtigte sichaber seiner eins nie empfundene Rührung, denn ihm war noch nicht der Gedanke ge-kommen, daß seine Untergebenen sich über seine Ankunft freuen würden. Dieser Gedankeaber that ihm wohl, und er gelobte sich, ihnen stets ein fürsorglicher Gutsherr zu sein.
Mit lautem Geräusch schlugen jetzt die Hufe von vier Pferden auf das zwar guterhaltene, doch unebene Pflaster, und mit eben so lautem Gerassel rollte der Wagen dar-über hin. Konrad erreichte seinen Zweck; die Taglöhnerfamilion eilten freundlich grüßendvor ihre Häuser, während die Kinder ihm jubelnd zuriefen, und er aus dem Wagenlehnend, Allen dankte. (Forts, folgt.)