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Die Eröffnung der Cast-River-Brückc in New-Borr-Brooklin.
Am 24, Mai wurde in der Metropolis der Neuen Welt unter entsprechendenFeierlichkeiten ein Bauwerk dem öffentlichen Verkehr übergeben, das wohl für Jahrhunderteden kommenden Geschlechtern Zeugniß geben wird von der gewaltigen Entwickelung, dieder Menschengeist auf allen Gebieten der Technik in unserem erfindungsreichen Jahr-hundert genommen. Wenn auch der weltenumgürtende Ocean Deutschland und Amerika von einander trennt, so dürfen wir Deutsche heute unseren Blick dennoch mit Stolz nachdem jenseitigen Gestade des atlantischen Oceans schweife» lassen und uns des Gelingensdes grandiosen Bauwerks innig freuen, denn der ursprüngliche Erbauer desselben, demes leider nicht vergönnt war, die Vollendung seines Werkes zu schauen, der aber imeigenen Sohne einen würdigen Nachfolger fand, das Werk im Geiste des Vaters zu voll-enden, war ein Deutscher. Johann A. NoebIing ist sein Name, der von den inder Frühlingssonne glänzenden, an den beiden in den Himmel ragenden Pfeilern der Brückeangebrachten Messingplatten der Mit- und Nachwelt entgegenprangt, der aber auch ver-dient, in den Annalen der Brückenbaukunst für alle Zeiten mit ehernen Lettern ein«gegraben zu werden.
Wir wollen nun versuchen, dem Leser ein möglichst getreues Bild der Brücke, wiesie sich jetzt dem Auge des Beschauers in ihrer Vollendung darbietet, zu geben. Siebeginnt, wenn man die langen Aufgänge mit in Betracht zieht, an der City Hall inNcw-Z)ork und endigt an der Ecke von Sands- und Washington-Street in Brooklyn ,nicht weit von der dortigen City Hall entfernt. Wir betreten die Brücke von der New-Jorker Auffahrt aus. In mäßiger Ansteigung erhebt sich letztere bis zu dem Ankerplatzder Kabelenden auf Franklin-Square, und geht dann immer weiter über die Dächer derHäuser hinweg bis zu den beiden je 31'/2 Fuß breiten Durchgängen in dem New-IorkerPfeiler. Wir haben bereits 1562 Fuß zurückgelegt und befinden uns 118 Fuß überHochwasserniveau. Sobald wir die eigentliche Hängebrücke betreten, sehen wir, daß sichdieselbe in fünf parallel laufende Avenuen theilt. Die beiden äußeren, 19 Fuß breit,bilden die Fahrstraßen für die schweren Lastwagen, Equipagen u. s. w., die beiden innerenfind für noch zu bauende Pferde- resp. Drahtseilbahnen reservirt und die dazwischenliegende, etwas erhobene Avenue ist für die Fußgänger bestimmt. I» der Mitte desFlusses befinden wir uns 135 Fuß über dem Wasserspiegel des Eastrivers, und es istkeine verlorene Minute Zeit, einen Augenblick Rast zu machen, um das sich vor uns aus-breitende prachtvolle Panorama bewundernden Blicks zu betrachten und unserm Gedächtnißeinzuprägen. Unter unsern Füßen schäumen die Wogen des Eastrivers dem Meere zu,auf ihm tummeln sich zahlreiche Ferryboote, die bisher den alleinigen Verkehr mit Brooklyn ermöglichten und die in ihrem schmucken weißen Anstrich einen überaus freundlichen Anblickgewähren. Längs der beiden Ufer liegen Hunderte von Segelschiffen, die die Produktefremder Länder an die amerikanische Küste gebracht, um mit amerikanischen Erzeugnissenvoll beladen nach kurzem Aufenthalt im sichern Hafen bald wieder den gefahrbringendenOcean zu kreuzen. Vor uns, im stolzen Hafen von Nsw-Aork, liegt Governos Island,der Garnisonsort eines kleinen Detachements Vereinigter Staaten-Truppen, mit seinenin saftigem Grün prangenden, von schattigen Bäumen bestandenen Wiesen, und dort amfernen Horizont, wo die Inseln Staten-Jsland und Long-Jsland nur eine schmale Passage,die sogenannte „Narrows", gestatten, segelt eben ein stolzer Oceandampfer der liebenHeimath zu, während ein anderer im vollen Flaggenschmuck eine Anzahl Europamüdernach den gastlichen Gestaden Amerika's bringt. Wie die beiden Schiffe aneinander vorbei-passiren, erfüllen brausende Hurrahrufe die Luft, die Einen, die Brust von Hoffnunggeschwellt, jauchzen ihre Freude aus, daß sie den Drangsalen der alten Welt und denGefahren des Oceans glücklich entronnen, die Anderen, die der lange nicht gesehenen,aber nicht vergessenen Heimath einen Besuch abstatten, um im Herbste in ihr liebgewonnenesAdoptivvaterland zurückzukehren, heißen die Neuankommenden beim Eintritt in die NeueWelt herzlich willkommen. Wenden wir nun unsere Blicke rückwärts über die schier