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„Ja, mein junger Freund, denn wir haben keine Geheimnisse vor einander!"
„So kann ich mich in ihrer Gegenwart wohl offen aussprechen?"
„Gewiß."
„Herr Förster, ich habe mit meiner Großmutter gesprochen", stieß fast hastig GrasWaldemar hervor.
„Schon so bald?" fragte theilnehmend Kohring. „Und ihre Antwort?"
„Sie will mir ihre Einwilligung nicht geben, ich aber werde meinen Willen durch-setzen!" — Vorläufig habe ich sie auf Ihren Besuch vorbereitet, doch läßt sie Sie bitten,diesen der Familie Hohenhausen wegen, die nach Steinhorst kommt, noch einstweilen zuverschieben!"
„Das ist mir auch sehr erwünscht", antwortete der Förster, einen bedeutungsvollenBlick mit seiner Nichte wechselnd, die eben eingetreten war. „Vorher aber oder vielmehrjetzt gleich, will ich Ihnen mittheilen, was ich Ihrer Großmutter zu sagen habe, und sievielleicht veranlassen wird, ihre Weigerung zurückzunehmen!"
„Sie machen mich neugierig, Herr Förster !" sagte lebhaft der junge Mann. „Betrifftdas, was ich erfahren soll, Anna?"
„Ja, nur Sie allein!"
„So lassen Sie mich Alles wissen", drängte Graf Waldemar, und der Förster er-zählte dem aufmerksam und voll Spannung Lauschenden in kurzen Worten, was er vorWochen seiner Enkelin im Garten mitgetheilt.
Als dies geschehen, vielfach unterbrochen von den Ausrufungen des Staunens undder Ueberraschung, des Zornes und Unwillens seines Gastes, besprachen sie noch längerdie traurigen Familienereignisse, bis endlich der Förster sagte:
„Ich möchte auch wohl auf einige Tage nach Bodenwald reisen, denn ich habeplötzlich eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der alten Heimath bekommen, und denGräbern, die ich nun schon so lange nicht gesehen!"
Er schwieg, und zwei große Thränen rannen an seinen gebräunten Wangen hinabin den grauen Bart, während der junge Mann und seine Nichte ihn theilnehmend be-trachteten, bis Letztere sagte:
„Einige Tage würden Dir kaum genügen, Onkel, denn es ist eine weite ReiseHiL dahin. Wer weiß aber, was noch geschieht —"
„Ich will auf alle Fälle einen längeren Urlaub nehmen und vom Oberförster Ver-tretung kommen lassen —"
„Wie wunderbar sind doch die Wege der Vorsehung, Herr Förster", sprach sinnendGraf Waldemar, „die Ihre Enkelin zu ihrer Familie und in die erste Heimath zurück-geführt haben!"
„Ja, ja", sagte ernst das Haupt wiegend Förster Kohring, „und darum will ichmich auch nicht vermessen und ihnen entgegentreten! — Wir lassen Anna ihren eigenenWeg gehen, ihr Herz, wie ihr Verstand werden ihr schon die Richtung zeigen, die sieihrem Großvater gegenüber einzuschlagen hat!"
„Davon bin ich ebenfalls überzeugt", stimmte Graf Waldemar bei, und fügte miteinem Anflug von Ungeduld hinzu: „Das Ziel meiner Wünsche aber wird noch weiterhinausgeschoben, denn wenn Hohenhausens vielleicht gar Wochen bei uns bleiben —"
„Geduld, Geduld, Herr Graf", unterbrach ermuthigend Frau Albrecht. „Annaliebt Sie, wie Sie wissen, und ist Ihnen treu, in dieser Ueberzeugung können Sie wohleinige Wochen Ihres Geschickes warten. Glauben Sie mir, sie empfindet diese Trennungauch, doch weiß sie, daß sie zu ihrem Besten ist, denn die fortwährende Aufregung hätteauf die Dauer ihrer Gesundheit geschadet!"
„Auch weiß sie, daß ihr Großvater hier für sie am Platze ist!" sprach mit un-sicherer Stimme der Graf, „der ihr gelobt, daß sie glücklicher werden soll als einst ihreMutter gewesen, und so Gott will, Wort halten wird."
(Fortsetzung folgt.)