Ausgabe 
(20.6.1883) 49
 
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Ein Blatt für die Leserin.

(Von Ernst Eckstein in der Franks. Ztg.)

Unsere Frauen und Mädchen, wenn sie die WörterHellas",Alterthum ",römischeKaiserzeit" rc. aussprechen, konstruiren sich alsbald eine Welt, wie sie nie existirt hat.

Mit Hülfe ihrer Schul- und Pensionats-Neminiscenzen erbauen sie sich ein Athen von Weltweisen, wie Sokrates und Plato , von göttlichen Staatsmännern und Dichternbevölkert hehr, klassisch, pathetisch in jeder Linie, gleichsam eine Schachtel voll Par-thenon-Giebel, Pallas-Statuen und Erechtheion-Fagaden. Das Nom des KaisersAugustus übertrifft an maßvoller Hoheit und selbstbewußter, glorreicher Kraftsülle nochdas der Meininger. Ernste Senatoren die alle dreinschauen, als wollten sie sich ebenvon der Faust eines Galliers zur größeren Ehre des römischen Namens erdolchen lasten,ohne mit der Wimper zu zucken steigen unaufhörlich zum Kapital hinan. Schweig-same Vestalinnen wandeln im Abgangsschritte der Clara Ziegler über das Forum. Abund zu begegnet man einem Consul, der gerade über die Parther gesiegt hat, oder demPoeten Horaz , der, den Lorbeerkranz auf dem ergrauenden Scheitel, die Leyer unter demArme, von Mäcenas kommt. Die gesammte Architektur besteht wesentlich aus korinthischenSäulen, Triumphbogen und Amphitheatern. Dort am Eingang des Circus Maximus steht ein Prätor mit zwei Aedilen, einem Censor und einem Dictator außer Dienstenin rethorisch glanzvoller Unterhaltung. Man conversirt im reinsten Ciceronianisch; unsereDamen können zwar kein Latein aber daß Ciceronianisch ungefähr so viel bedeutet,wie stilvoll, mustergültig, und glänzend im eleganten Wurf der Perioden das mistensie nicht nur gedächtnißmäßig, das haben sie auch mit dem Herzen gefaßt, denn dasschöne feinsinnige Antlitz des Geschichtsprofeffors hat in geweihterem Lichte gestrahlt, wenner von Cirero und der vollendeten Classicität seiner gesammelten Werke sprach. Nichtsliegt der Welt dieses Alterthums, wie es sich in den liebenswürdigen Köpfchen deutscherFrauen und Jungfrauen malt (in den weiblichen Gehirnen viel anderer Nationalitätenmalt es sich überhaupt nicht) also: nichts liegt dieser klassischen ülorMiia ferner,als eine Verwandtschaft zur Gegenwart. Bei uns, im neunten Deeennium des neun-zehnten Jahrhunderts, ist Alles Prosa, Alles Schwunglosigkeit und nüchterne Alltags-stimmung; zwischen durch blitzt hier und da wohl ein Fünkchen himmlischer Poesie zumalin der Liebe; aber sonst: keinerlei Analogie mit der Epoche der Toga und Tunica, keinBerührungspunkt im Sein und Empfinden. Die Würde, die Hoheit, das Getragene, dasAntik-Uebermenschliche ist uns abhanden gekommen; ja, selbst die Liebe, wie viel kleiner,wie viel nippsachenartiger erscheint sie in unseren modernen Salons, als in jenen groß-artig disponirten Zeitläuften, da der Jüngling in schwer übersetzbaren Distichen um dieHuld einer Lesbia geworben! Kann man sich einen römischen Egues, einen Sprößlinguralter Senatorenfamilien, die noch mit Hannibal zu thun hatten, als komplimentirendenModeherrn vorstellen, der seiner Auserkorenen zarte Aufmerksamkeiten sechsten und siebentenRanges erweist, der vor Wonne erröthet, wenn er im Theater Gelegenheit findet, ihrden Zettel zu reichen, oder ihr mit dem Fächer Kühlung zuzuwehen? Läßt sich voneiner klassischen Römerin denken, daß sie im Schmuck ihrer echt antiken Schlangen-Arm-bänder und Cameenringe sich salonmäßig geziert und gelächelt, daß sie jene kleinlichenHuldigungen mit Wohlbehagen bemerkt, daß sie kokettirt habe? --

Nein!" antwortet der Instinkt unserer schulgebildeten Frauenwelt; und, ww wollenes nur ohne Rückhalt bekennen: wir Männer fühlen in dieser Hinsicht auch zuweilen rechtfrauenhaft. Es fehlt dem kurzsichtigen Auge hier nämlich das historische Fernglas.Entlegene Berge sehen wie Wolken aus, völlig anders geartet, als die Felsenwündeund Hügelhänge, die uns unmittelbar vor dem Blick emporsteigen. Setzen wir jedochdas Teleskop einer genaueren Detailprüfung an, so gewahren wir, daß auch die ver-meintlichen Wolken nichts anderes sind, als Wälder, Halden und Steinmasten. DerGeschichtsunterricht unserer höheren Lehranstalten dazu rechne ich natürlich die Pen-sionate, denn dort gedeiht ja das Höchste, die deutsche Müdchenblüthe er leidet an »