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dem betrübsamen Fehler, nur Knochen zu geben, aber kein Fleisch, nur Haupt- undStaatsaktionen, aber keine Kulturgeschichte. Jener Quartaner, der seinen Aufsatz mitden Worten begann: „Die alten Nomer verbrachte» ihre Zeit meistens mit Kriegführen,Ackergesetzen und Volksversammlungen" — sprach unbewußt die Verurtheilung dieserEinseitigkeit aus. In Wahrheit gilt von den meisten Geschichtsepochen die Thatsache:je genauer wir uns mit ihren Einzelheiten beschäftigen, um so geringer erscheinen dieUnterschiede, die sie von der Gegenwart trennen. „I'iuo eolM ollanAa" — behauptetein französischer Autor von den Institutionen seines eigenen Vaterlandes, — „ot plusv'est absvlument la mainö — Das läßt sich, in gewissem Sinn, auch von der
Lebensphysiognomie jener Epochen aussagen, die, durch das neblige Medium zweier Jahr»lausende betrachtet, so unmodern, so fremdartig, so pathetisch erscheinen.
Bleiben wir bei der Liebe! „Ein Blatt für die Leserin" hat der Verfasser dieserZeilen die bescheidene Skizze betitelt, — und was liegt der Leserin, sei sie alt oder jung,noch unerobert oder verheirathet, näher als dies höchste Problem, daS dein weiblichenHerzen zur theoretischen Betrachtung und praktischen Lösung bestimmt ist?
Die Liebe im alten Nom war durchaus kein Dialog in volltönigen Trimetern, nochweniger ein Monolog in Hexametern, sondern ganz das nämliche thöricht-süße, wonne-same Geplapper von heute, ganz die gleiche melodramatische Causerie, das Getändel mitKleinigkeiten, das bald bewußte, bald unbewußte Hinüber und Herüber von reizvollenTirailleur-Angriffen, wie im Ballsaal der Gegenwart. Für den ruhig überlegendenKopf, der nicht gleich Congestionen bekömmt, wenn er die Parole „antik" hört, ist daSbis zu einem gewissen Grade ja selbstverständlich; aber daß die holdselige Comödie bisin die feinsten psychologischen Nuancen mit dem, was Amor heutzutage in Scene setzt,nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich stimmt, das frappirt vielleicht auch denBesonnenen.
Ich erwähnte vorhin das galante Offeriren des Theaterzettels. — Die römischenSchriftsteller kennen derartige Aufmerksamkeiten als Introduktion zärtlicher Herzensbünd-nisse eben so gut, wie das Spiel mit dem kühlungwehenden Fächer. Wir wissen z. D.mit stereoskopischer Klarheit, wie es zwischen zwei jungen Leuten, die Amor sich alsOpfer erlesen, bei den Vorstellungen im römischen Circus herging. Hier saßen nämlichdie Damen und Herren in bunter Reihe, während im Amphitheater :c. die Damen be-sondere Plätze hatten. — Wenn nun so ein römischer Lieutenant oder Referendar —(das Reich der Cäsaren kannte sie so gut, wie das Reich der Dichter und Denker) —das junge Mädchen gewahrte, für die er in Minne entbrannt war, so bot er zunächstAlles auf, an ihre Seite zu kommen — eventuell durch listige Hinwegschaffung dessen,der diesen Platz bereits inne hatte. — Beim Einleiten des Gesprächs verfiel er zunächstin jene artige Allgemeinheit, die auch hierzulanhe das Erste-Walzer-Geplauder rc. charak-terisirt. — Das Wetter oder das neueste Tagesereigniß: das Unwohlsein des Premier-Ministers, den Erfolg eines sensationellen Buches, die reizende Operette (zu römischPantomimus genannt und allerdings nur aus Geberdenspiel und Instrumentalmusik zu-sammengesetzt), die Telegramme von der Neichsgrenze, wo man sich mit den Datiern-oder den Germanen herumschlug (allerdings keine elektrischen, aber doch Telegramme,Schnellbriefe, durch Couriere befördert, die nicht viel mehr Zeit brauchten, als unsereEisenbahnzüge) —: dies Alles benutzte er als Anknüpfungspunkt, je nachdem die jungeDame nun für die römischen Offenbach schwärmte, oder mehr für die Mirza-Schaffy's,oder gar für die Staats-Jnteressen, was freilich, — ganz wie bei uns — die Ausnahmebildete. — Inzwischen begann das Wettrennen. Die vorgeführten Andalusier undKappadocier mit den schnaubende» Nüstern und den wallenden Mähnen boten erneutenStoff für die stockende Konversation» — In rasender Schnelligkeit sausten sie mit denzweirädrigen Rennwagen um die Spitzsäule. Der Lieutenant — bleiben wir bei demLieutenant — konstatirte alsbald, für wen die junge Dame Partei nahm, — für denBesitzer des Rennpferds Vastator oder für den der schmeidigen Passerina —,— und