Mein Koffer ist gepackt, auch habe ich Frau Doktor schon das Abschiedsgeschenküberreicht, die sich über das schöne Service, welches glücklich angekommen, sehr gefreuthat. —
Zum weiteren Plaudern mit Euch bleibt mir keine Zeit, denn ich habe Thusnelda 'ersprochen, einige Einkäufe mit ihr zu machen, Geschenke für ihren Großvater, Herrnnd Frau Bergmann, und einigen Personen der Dienerschaft, die sie besonders liebt.Das arme, arme Kindl Sie selbst empfindet nicht, was und wie viel ihr fehlt, und iststets heiter und guter Dinge.
Aber ich höre meine kleine Cousine mit eiligen Schritten kominen und schließe daherden Brief, den ich selbst besorgen will.
Nehmt meine herzlichsten Grüße und gedenkt in Liebe
Eurer Anna Herfsld.
Gegen Abend des folgendes Tages verließen Sophie Dörner, Anna Thusneldaund deren Pflegerin oder Kammerjungser Dorothea den Eisenbahnzug an der StationB., wo ihrer ein Wagen wartete, um sie nach Bodenwald zu bringen. Thusnelda be-grüßte den Kutscher, welcher schon manches Jahr im Dienst seines Herrn gewesen, mitvieler Freude, und erkundigte sich in lebhafter Weise nach ihrem Großvater.
„Der Herr Landkammerrath ist heute recht krank gewesen, gnädiges Fräulein", er-widerte Georg, das Gepäck der Reisenden in Empfang nehmend.
„Ist Großpapa in seinem Zimmer geblieben?" forschte das kleine Fräulein weiter.
«Ja, gnädiges Fräulein, doch meint Auaust, daß der Herr Landkammerrath diesenAbend im Saal sein werde!"
Man war mittlerweile eingestiegen, Georg hatte die Koffer aufgepackt, und erklettertedann den hohen Bock des alterthümlichen Neisewagens. Die Zügel und Peitsche er-greifend, trieb er dann die Pferde an, um noch vor vollständiger Dunkelheit Schloß
Bodenwald zu erreichen. Der Weg führte zunächst durch eine ebene, fruchtbare' Gegend,
dann aber begannen die Berge, und traten immer näher, bis später sich die Landstraße
durch ein eriveitertes Thal hinzog, in dem das Gut Bodenwald lag. Thusnelda undihre Kammerfrau waren hier bekannt, und Erstere unterließ nicht, ihre Begleiterinnenauf Alles aufmerksam zu machen, was sie von jeher sehenswerth oder bewunderungs-würdig gefunden, was diese aber der eintretenden Dämmerung wegen kaum erkennenkonnten.
Während Thusnelda lebhaft und munter plauderte und sich sichtlich freute, nachlängerer Abwesenheit wieder daheim zu sein, ward Anna immer stiller und schweigsamer,denn sie mußte ihres Großvaters Erzählung gedenken, und sollte so bald schon die Stättebetreten, wo die Jugend ihrer Eltern verflossen, wo sie deren und ihrer Großmutterletzte Ruhestätte zu suchen hatte. Ihr ernstes, nachdenkendes Gesicht gewahrend, sagteleise die ihr gegenübersitzende Sophie:
„Schon wieder still und traurig, Anna? Und hast doch, wie Du mir gesagt, gesternan Deinen Großvater geschrieben, der Zukunft fröhlich und guten Muthes entgegensehenzu wollen?"
Anna erschrack fast bei dieser Anrede und erröthete leicht, und einen dankbarenBlick auf ihre frühere Erzieherin und jetzige Freundin richtend, erwiderte sie ebenso leise:
„Das thiie ich? auch, Sophie, und bin meines Geschickes wegen ohne Sorge. Ichstellte mir aber in diesem Augenblick unsere Ankunft in Bodenwald vor, das Wiedersehenzwischen Enkelin und Großvater, welch Letzteren Du ebenfalls noch nicht kennst —"
„Nein, Anna, persönlich kenne ich den Herrn Landkammerrath noch nicht", entgegnetesophie Dörner, „und bin neugierig, ihn, der seiner Korrespondenz nach ein sehr klugerrnd gebildeter Mann sein muß, zu sehen. Seiner zärtlichen Sorge für seine Enkelinwegen habe ich ihn immer bewundert, die — ein trauriges Berhängniß — seine einzige. nähere Angehörige ist!"
^ Anna enthielt sich jeder Bemerkung: kannte sie doch ihren Großvater von einer