anderen Seite, und wußte sie ebenfalls, daß die schwachsinnige Thusnelda von Boden-wald nicht seine einzige Verwandte war. Sie versank indeß wiederum in Nachdenken,stellte sich den Empfang in Bodenwald vor, wobei ihr plötzlich ihre Ähnlichkeit mit ihremverstorbenen Vater, der ihr Großvater Kohring mehrfach erwähnt, einfiel. Dieser Ge-danke begann sie zu beunruhigen, eine Erkennung war dadurch möglich,-da unter-
brach Thusnelda , die unterdeß immer aus dem Fenster gesehen, ihr Sinnen, in dem siehastig, wie sie stets zu reden flegle, sagte:
„Anna, gleich sind wir in Bodenwald, Du kannst es, weil es ichon vunkel gewordenist, nur nicht sehen!" und ihr Gesicht an die Scheibe legend versuchte sie wiederum be-kannte Gegenstände zu erspähen.
Sie fuhren noch eine Weile, die Dämmerung war vollständig eingetreten, dennochkonnte Anna, welche gleich ihrer Cousine aus dem Fenster blickte, sehen, daß sie aneinigen kleineren erleuchteten Häusern vorüberkamen.
„Hier wohnen unsere Taglöhner", belehrte sie Thusnelda , „und nun — nun sindwir gleich bei Großpapa!"
Wirklich bogen sie bald in ein weitgeöffnetes Thor, das, wie sie hörten, hinterihnen geschlossen ward, und fuhren einen breiten, zu beiden Seiten mit hohen Pappelnbesetzten Weg zum Schloß hinauf. Dann hielt der Wagen vor einer nur aus wenigenStufen bestehenden Treppe, welche in die geräumige hell erleuchtete Vorhalle führte, woin der hohen, geöffneten Glasthür bereits ein Diener ihrer wartete. Kaum hatte er denWagenschlag geöffnet, als auch schon Thusnelda zur Erde sprang, und August, welchensie seit ihrer Kindheit gekannt, mit lebhafter Freude begrüßte, indeß ihre Begleiterinnenlangsamer folgten. Unterdeß war auch die Haushälterin, welche schon eine Reihe vonJahren in Schloß Bodenwald gewesen, herbeigekommen, und nachdem sie von Thus-nelda mit stürmischer Zärtlichkeit war begrüßt worden, bewillkommnete sie die Fremde,welche diese ihr zuerst auf Sophie Dörner deutend vorstellte:
«Frau Lindenau, dies ist Fräulein Sophie Dörner, meine Lehrerin", und sich anAnna wendend, fügte sie deren Hand ergreifend hinzu: „Und dies ist meine liebe FreundinAnna Herfeld, die ich in H. kennen gelernt, und Großpapa eingeladen hat!"
Frau Lindenau, eine Dame von würdigem Aussehen, richtete einige freundlicheWorte an die ihr genannte, ward aber bald durch Thusnelda unterbrochen, welche siehastig fragte:
„Wie geht es Großpapa, Frau Lindenau? — Wo ist er? Kann ich ihn sehen?"
„Der Landkammerrath wird zum Abendessen im Saal sein, gnädiges Fräulein, undläßt Sie und die Damen bitten, sich vorher im Zimmer einzufinden!"
„Ich soll ihn also jetzt nicht sehen?" fragte ungeduldig Thusnelda .
„Nein, gnädiges Fräulein, und ich werde Ihnen und den Damen den Thee so-gleich heraufschicken! — Jetzt bitte ich, mir zu folgen", wandte sie sich zu Sophie undAnna, damit ich Sie in Ihr« Zimmer führen kann!"
Sie gingen in das erste Stockwerk hinauf, wo zu beiden Seiten eines geräumigenCorridors eine Anzahl Gemächer lagen, von denen jedoch wenige benutzt wurden. AusThusnelden's Zimmer trat ihnen Dorothea entgegen, bevor aber Erstere ihrer Pflegerinfolgte, trug sie noch Frau Lindenau auf, ihre Freundin in ihrer nächsten Nähe wohnenzu lassen, was diese ihr lächelnd zusagte und ihre Begleiterinnen in die bereit gehaltenenZimmer führte.
Allein geblieben, blickte Anna m sein maum umher, der sie einstweilen beherbergensollte. Es war ein mittelgroßes, hohes Gemach, hellerleuchtet durch zwei Wachskerzen,die in silbernen Leuchtern auf dem Sophistisch brannten, mit einer alterthümlichen Aus-stattung, wie sie sie noch nie gesehen. An den mit hellen Goldtapeten bekleideten Wändenhingen Schildere!«» aus Italien , die ohne Zweifel ihr Großvater von seinen Reisen mitgebracht. Die Thür des Schlafzimmers öffnend, blickte sie auch in dies hinein und saldort ebenso altmodische Mobilien, zu denen auch ein Bett mit dunkelgrünen, seidenen