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Vorhängen gehörte. Nachdem sie Hut und Mantel abgelegt, kehrte sie in's Wohngemachzurück, wo bald an ihre Thür geklopft ward und der Diener mit dem versprochenen Theeerschien, ihr anzeigte, daß das Abendessen um halb neun Uhr servirt sein würde undsich darauf entfernte. Im Sopha Platz nehmend, genoß sie mit Behagen die ihr an-genehme Erfrischung, dachte dabei an ihren Großvater, dem sie jetzt so nahe war, undfragte sich:
„Ob er mich — ob man mich überhaupt kennen wird? Auf den ersten Blick mußtedie Familienähnlichkeit, welche doch Großvater Kohring hervorgehoben, so auffallend nichtsein, denn bis jetzt scheint noch Niemand sie bemerkt zu haben. Vielleicht aber werdenBergmann's und mein Großvater selbst sie entdecken und was — was wird dann darausentstehen? Wäre es nicht richtiger gewesen, die verhängnißvolle Einladung auszuschlagen?"
„Nein, nein", fuhr sie nach längerer Pause sich ermuthigend und zuversichtlich fort,„ich bin durch Gottes Fügung hier, und diesen Gedanken will ich festhalten! Wer weißauch, was schon die nächsten Tage von Steinhorst und Dahrenwald bringen werden, undwie bald sich dort mein und Waldemar's Geschick entscheidet!"
Nach einer Weile auf die Uhr blickend sah sie, daß sie auf halb acht wies, es waralso keine Zeit zu verlieren, denn sie mußte nothwendig ihren Neiseanzug gegen einenandern vertauschen. Schnell nahm sie aus ihrem schon im Schlafzimmer befindlichenKoffer alles Erforderliche hervor und begab sich an ihre Toilette, und als nach einerhalben Stunde sie wieder im Wohngemach erschien, war das Bild, welches der hoheSpiegel zurückgab, eine Erscheinung, auf die des Försters Enkelkind, welches zwar dieEitelkeit nicht kannte, voll Genugthuung hätte blicken können. Wie immer hatte Annadas reiche goldblonde Haar, das in lockigen Wellen ihre weiße Stirn umgab, in schwerenFlechten um den Kopf geordnet; ein dunkelblauer Anzug von leichter Wolle ließ ihreGestalt vortheilhaft hervortreten, und Hals und Handgelenke umgab eine blendendweißeLeinengarnitur, die durch eine goldene Broche und eben solche Knöpfe gehalten ward.Die ganze Erscheinung aber — hoch und stattlich — war vom Zauber holder Jugend-lichkeit umflossen, und sinnend, ernst und erwartungsvoll blickten die blauen Augen demKommenden entgegen.
(Fortsetzung folgt.)
Ein Besuch bei Hay-u.
(Aus de"N. Fr. Pr.)
Man hat im vorigen Jahre den einhundertfünfzigsten Geburtstag Joseph Haydn's ,des armen Stellmachersohnes, gefeiert, den Anlage und Fleiß zu einem der glänzendstenSterne am Himmel der Tonkunst gemacht haben. Bei dieser Gelegenheit wäre es viel-leicht angebracht gewesen, an seine Zusammenkunft mit Jffland im Jahre 1808 zu er-innern, welche eine der schönsten Episoden seines Lebens genannt werden muß. Aber,so viel bekannt, ist dies nicht geschehen. Mag daher hier eine Darstellung des Fallesfolgen, wie sie an der Hand der denkwürdigen, aber heute wie es scheint, vergessenenAufzeichnungen Jffland's möglich ist.
Schon im Jahre 1800, als Jffland sich zum ersten Male in Wien befand, hatteer ein inniges Verlangen getragen, den großen Mann zu sehen, dem er als Mensch undKünstler mit gleicher Liebe sich ergeben fühlte. Aber damals lebte Haydn auf dem Lande,und ihm dorthin zu folgen, gestatteten die Verhältnisse nicht. Anders fügte es sich, alsJffland acht Jahre später seinen Besuch in der Donaustadt erneuerte. Körperliche Leidenhielten zwar den edlen Greis danieder, aber, wie sichtlich er anfing, sich mehr und mehrdem Grabe zu nähern, war sein Schwächezustand doch nicht derart, daß es ihm versagtbleiben mußte, sein Haus den Freunden zu öffnen. Mit Recht durfte Jffland daherhoffen, daß diesmal dem Verlangen seines Herzens Genüge geschehen werde, und dieseHoffnung sollte ihn nicht betrügen.
Es war am Vormittag des 7. September, als der berühmte Berliner Mime sich