Ausgabe 
(27.6.1883) 51
 
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»Großpapa, hier bringe ich Dir Sophie Dörner und meine liebe Freundin, AnnaHerfeld-"

Beide standen jetzt dem Herrn von Bodenwald gegenüber, der ihnen die Handreichend mit klangvoller Stimme freundlich sagte:

Seien Sie mir willkommen, meine Damen, und möge es Ihnen in dem stillenBodenwald und bei einem alte», kranken Manne einige Wochen gefallen!"

Großpapa, wir werden länger bleiben", unterbrach ihn schnell seine Enkelin.DerProfessor, welcher mich behandelt, ist verreist, und kein Anderer kann mit mir die Kurgebrauchen!"

Darüber bist Du wohl kaum unzufrieden, mein Kind", erwiderte der Landkammer-rath, seinen Blick, dessen Ausdruck jedoch nicht zu unterscheiden war, auf die kleine Gestaltseiner Enkelin richtend, und sich dann ihren Begleiterinnen zuwendend, fügte er hinzu:Nehmen Sie Platz, meine Damen, und gestatten Sie mir, ein Gleiches zu thun!"

Diese kamen seiner Aufforderung nach und während Anna ihren Großvater be-trachtete, sagte Sophie Dörner:

Wir haben erfahren, Herr Landkannnerrath, daß Sie erst gestern sehr leidend ge-wesen und würde uns sehr leid thun, wenn Sie unsertwegen Ihr Zimmer verlassen!"

Ich mußte Sie doch wenigstens begrüßen", entgegnete mit gewandter Höflichkeitder Gutsherr, der sich in seinem Sessel niedergelassen, und darauf Anna anblickend, fort-fuhr:Ihnen, Fräulein Herfeld, muß ich noch meinen besonderen Dank sagen, daß Sieso freundlich auf die Wünsche meiner Enkelin eingegangen sind"

Herr von Bodenwald-" begann Anna, stockte aber, denn Sie meinte, dem

forschenden Blicke zu begegnen.

Ebenfalls danke ich Ihrem Herrn Großvater und Ihrer Frau Tante, Siesehen, wie gut ich durch Thusnelda über Ihre Familie unterrichtet bin, daß sie Sienoch auf einige Zeit entbehren wollen"

Mein Großvater und meine Tante bedürfen meiner augenblicklich nicht", erwidekeAnna freundlich, doch im früheren Ton und heftete zugleich entschlossen ihre Augen aufdie seinigen,deshalb habe ich mir auch kein Gewissen daraus gemacht, sie noch längerallein zu lassen."

Anna's Großvater wohnt in einem großen Walde", fiel jetzt Thusnelda ein.Sie hat mir viel davon erzählt"

Das möchte ich morgen von Dir in meinem Zimmer hören", unterbrach mit leisemNachdruck der Landkammerrath seine gesprächige Enkelin, und sich darauf an Sophiewendend, erkundigte er sich nach deren Mutter, während Thusnelda mit ihrer neben ihrsitzenden Freundin zu sprechen begann.

Nach kurzer Weile ward das Abendessen gemeldet und zugleich öffnete der Dienerdie Thüren des anliegenden Speisesaals.

Der Schloßherr erhob sich aus seinem Sessel, wobei sein Stock, der an diesen ge-lehnt, zur Erde fiel. Anna, welche gleich Sophie und Thusnelda ihren Platz verlassen,nahm ihn auf und überreichte ihn dem Landkammerrath, und ihn aus ihrer Hand nehmend,sagte derselbe in verbindlichem Tone:

Ich danke Ihnen recht sehr, mein Fräulein, und bitte Sie zugleich, mich als IhrenFührer zu Tische anzunehmen, das heißt, wenn ich Ihnen meinen linken Arm bieten darf!"

Anna kam ein plötzlicher Gedanke, und diesem Worte verleihend, sagte sie mitleichtem Erröthen und einer kaum merklichen Bewegung in ihrer Stimme:

Gestatten Sie mir vielmehr Ihre Stütze zu sein, Herr Landkammerrathl Darfich", und schnell an seine Seite tretend, reichte sie ihm ihren rechten Arm, während sie,vielleicht sich selbst unbewußt, die Augen voll kindlichem Vertrauen zu ihm erhob.

Ein freundliches Lächeln überflog des Schloßherrn ernste, gefurchte Züge, und bei-fällig und voll Interesse blickte er ihr entgegen. Dann legte er seine Hand auf ihre»Arm, und sagte, das Haupt leicht neigend: