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„Ich danke Ihnen, mein Fräulein, und glaube fest, daß Sie mir eine bessere Stützesein werden, als ich Ihnen hätte sein können", und nach diesen Worten schritten sie demEßzimmer zu, gefolgt von Sophie und Thusnelda , welche Erstere ihren früheren Zöglingmit beifälliger Freude beobachtet hatte und noch betrachtete, als an der Tafel sie zu desLandkammerraths Rechten in unbefangener Weise auf seine Unterhaltung, ihre Belusti»gungen in Bodenwald betreffend» einging«
Das Mahl verfloß in heiterer Weise, denn als feiner und gewandter Wirth wußteder Schloßherr über die Förmlichkeiten des Bekanntwerdens hinweg zu helfen. Als esbeendet, führte wiederum Anna ihren Großvater in das Wohnzimmer, wo er, einenAugenblick ihre Hand in der seinen haltend, mit einem leichten Neigen des Hauptes sagte:
„Nehmen Sie nochmals meinen Dank für die mir so freundlich gewährte Stütze,die ich leider, wie Sie sich auch überzeugt, nicht entbehren kann, und in meinem Alterist auf Besserung nicht zu hoffen. Ich bin zufrieden, wenn die Schmerzen mich nichtzu sehr plagen."
Nach diesen Worten ließ er sich wiederum in seinem Krankenstuhl nieder, und diesenMoment hatte sich Thusnelda ersehen, sich Anna's zu bemächtigen, die sie nach ihrerAnsicht schon zu lange entbehrt hatte, während sie es Sophien überließ, ihren Großvaterzu unterhalten, was auch alsbald, und zwar sie selbst betreffend, geschah.
Als nach einer halben Stunde seine Gäste wie seine Enkelin sich von dem Land-kammerrath trennte», sprach er die Hoffnung aus, sie am nächsten Tag« gesund und wohlwieder zu sehen und bat erstere zugleich, da dies spät sein würde, nach eigenem Ermessenim Schlosse zu schalten und zu walten. Er fügte hinzu» daß Frau Lindenau und auchdie Leute die Weisung erhalten, allen ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen,worauf er Sophie und Anna mit einer Verbeugung und einem Händedruck, seine Enkelinaber mit einem zärtlichen Kusse entließ. —
XXI.
Am folgenden Morgen unternahmen Sophie Dörner, welche auch in ihren Rechtenals Thusnelda's Erzieherin blieb, diese und Anna einen Gang in's Freie, um die nächsteUmgebung des Herrenhauses und den Schloßgarten kennen zu lernen.
Thusnelda , hier seit ihrer Kindheit bekannt, machte die Führen», doch konnte siekeine besonderen Sehenswürdigkeiten zeigen, denn wie schon vor Jahren waren die hohen,alten Bäume und Alleen und einzelnen Gruppen auf den Rasenflächen die größte Zierdedes Gartens von Bodenwald, auf dessen Verschönerung der Besitzer jetzt noch wenigerWerth als sonst legte, doch den langjährigen Gärtner gewähren ließ, der wie früherGewächse, Blumen und Früchte in den Treibhäusern zog.
Nachdem sie alles besichtigt und an dem schönen Sommermorgen längere Zeit nachallen Richtungen umhergewandelt waren, wobei Thusnelda es nicht unterlassen, ihre Be-gleiterinnen auf ihre Lieblingsplätze aufmerksam zu machen, an die für sie sich mancherleiErinnerungen knüpften, Anna aber mit Gedanken anderer Art beschäftigt gewesen, ge-langten sie an einen breiten Weg, über dem die Bäume sich zu einem Blätterdach wölbtenund der zu beiden Seiten mit Tannen, Taxus und Zypressen dicht bewachsen war. Erwar besonders sorgfältig gepflegt und schien seit längerer Zeit nicht betreten zu sein. AmEingang desselben stehen bleibend, fragte Anna, an deren Arm ihre Cousine hing:
„Wohin gelangen wir auf diesem Wege, Thusnelda?"
„Nach dem Mausoleum", entgegnete diese ernst, wo meine Eltern, meine Groß-mama und viele unserer Familie beigesetzt sind. Wir wollen es einmal besehen."
Auch Anna's Gesicht hatte sich bei dieser Antwort umdüstert, denn dort war eben-falls ihrer Eltern letzte Ruhestätte, und sie hätte deren Särge zum erstenmal sehen können,ehe sie jedoch zu antworten vermochte, entgegnete Sophie Dörner, welche die Aufregungeines Besuchs im Mausoleum für ihren Zögling befürchtete:
„Später, meine liebe Thusnelda, heute noch nicht. Führe uns lieber nach demGutshof, wo Herr und Frau Bergmann wohnen —"