Ausgabe 
(27.6.1883) 51
 
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Wollen wir sie nicht begrüßen?" unterbrach schnell das kleine Fräulein, dessenGedanken schon wieder eine andere Richtung genommen.

Hiergegen hätte nun gern Anna Einwand erhoben, denn sie fürchtete von dieserSeite eine Entdeckung, obgleich sie am Abend vorher sich vorgenommen, einer solchen,wenn sie erfolgen würde, mit ruhiger Entschlossenheit entgegenzugehen, doch sagte Sophie:

Wenn es Dir eine so große Freude ist, sie wiederzusehen, so müssen wir sie wohlaufsuchen. Vielleicht treffen wir sie gar im Freien."

(Fortsetzung solgt.)

Go»dkör««r.

Ohne Glauben ist nicht Liebe,

Ohne Liebe ist nicht Glauben.

Willst Du Dir Dich seiber rauben,

Nimm dem Herzen Lieb und Glauben. F. Horn.

Stets ist die Sprache kecker als die That.

Schiller .'

Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welch'wichtige Person glauben wir zu sein. Wir denken allein den Kreis zu beleben, in dem wir wirken.In unserer Abwesenheit muß, denken wir, Leben, Nahrung und Athem stocken: und die Lücke, dieentsteht, wird kaum bemerkt, sie stillt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wonicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres. Goethe.

Leicht geleitet wird ein Thor»

Leichter aber, wer verständig;

Doch wer wenig halb gelernt nur,

Ist sür Götter selbst unbändig. A. Höfer.

Ueberschaue ganz das große Ganze;

Kannst Du's nicht, so senke Deinen Blick. Seume .

Das Kreuz im Walde.

Eine Wildschützengeschichte von Friedr. Dolch.

Während meiner Studienzeit besuchte ich in den Herbstferien manchmal meinen altenOnkel, den königlichen Förster Wendemann, dessen Wohnort nicht gar weit von derResidenz entfernt war. In seinem Reviere gab es auch noch ziemlich viel Wild, weil erdasselbe schonte und pflegte, mäßig schoß und die Wilderer, die sich in seinem Bezirkblicken ließen, energisch verfolgte und über die Grenzen trieb. Mein Onkel war übrigensdurchaus kein finsterer griesgrämiger Gesell, sondern ein lustiger fideler Kauz; mit demes sich vortrefflich leben ließ. Nur die Wilddiebe und Holzfrevler fürchteten und haßtenihn, weil er ihnen so scharf auf die Finger sah und durchaus nicht mit ihnen spaßte.

Am liebsten war eS mir, wenn ich mit ihm draußen in Wald und Feld umher-streifen durfte, denn da ging ihm das Herz auf und manche ernste und heitere Geschichteaus dem Jägerleben hat er mir auf solchen Streifzügen erzählt. Ich lauschte auch stetsmit großem Interesse seinen Erzählungen und manche von ihnen haben sich meinem Ge-dächtnisse so fest eingeprägt, daß es mir jetzt nach Jahren noch möglich ist, sie genauso wiederzugeben, wie er sie mir einst erzählt.

Eines Abends kamen wir, nach erfolglosem Pirschgange, auf eine Waldlichtungund da wir ziemlich müde waren, beschlossen wir eins kleine Rast zu halten, ehe wir denHeimweg antraten. Wir setzten uns also unter eine dichtbelaubte Buche, zündeten unserekurzen Jagdpfeifen an und bliesen schweigend die blauen Rauchwötkchen in die Luft.

Siehst Du dort drüben am Waldesrand das hohe, halb umgesunkene schwarzeKreuz?" frug plötzlich mein Onkel und eS konnte mir trotz der zunehmenden Dunkelheitnicht entgehen, daß sein vorher noch so heiteres Gesicht plötzlich tiefernst geworden war.Dort steht es» neben der hohen einzelnen Tanne, die über das Dickicht emporragt!",Und er zeigte mit dem Finger nach der Richtung und sah mich an.