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»Ich leyr r»-', antwortete ich und richtete meine Blicke nach der Gegend, wo sichas Kreuz schwarz 'vom hellen Nachthimmel abhob. „Was ist's damit? Ist an jenerStelle vielleicht einmal ein Mord verübt worden?"
„Jawohl, Junge, hast's errathen", antwortete mein Oheim. „Dort ist vor beinaheeinem halben Jahrhundert ein Jäger von einem Wildschützen erschossen worden; derMörder aber war mein eigener leiblicher Vetter und ich war Augenzeuge jener schreck«lichen That."
„Ach, ist's möglich?" rief ich erregt. „Bitte, Onkel, das mußt Du mir erzählen,d. h. wenn es Dich nicht zu stark angreift."
„Ja, 's ist eine traurige Geschichte", nickte ernst mein Oheim, „und sogar jetzt noch«nach so langer Zeit, stimmt es mich trübe, wenn ich an jenes Ereigniß denke. Weil wiraber doch schon einmal davon gesprochen haben, so will ich Deinen Wunsch erfüllen undDir die Geschichte erzählen."
Mein Onkel schwieg einen Augenblick, ich rückte ihm etwas näher und blickte ihmerwartungsvoll in das Gesicht. Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, räusperteer sich und fing an:
„Mein Vater war, wie Dir vielleicht bekannt sein wird, Jäger beim Baron V.»besten Gut in der Nähe des Dorfes Hohenkamm , das einige Stunden von hier entferntist, liegt. Die Waldungen, die zu dem Gute des Barons gehören, sind ziemlich großund stoßen theilweise an die königlichen Forsten. Mein Vater hatte einen von den er-wachsenen Söhnen seines Bruders als Gehilfen zu sich genommen, denn er wurde all-mählig alt und hinfällig und auf mich konnte er nicht rechnen, weil ich damals geradedie Forstschule besuchte. Vetter Kaspar, der neue Jagdgehilfe, war ein junger lustigerBursche, zu allen tollen Streichen aufgelegt, aber sonst doch ein ordentlicher Mensch und,was die Hauptsache war, ein ausgezeichneter Schütze und guter Jäger. Kam ich in denFerien nach Hause, dann begann ein lustiges Leben und Treiben, denn Vetter Kasparund ich wurden bald die besten Freunde und wir waren fast stets beisammen. Wenndie Ferien zu Ende waren, nahm ich jedes Mal betrübt Abschied und lange noch dachteich an die Heimath und das frische freie Leben draußen im Walde.
So war ich denn wieder einmal nach Hause gekommen, hatte aber in der ersteyStunde schon zu meinem Schmerze bemerkt, daß während meiner Abwesenheit sich Vielesverändert hatte. Kaspar war ein ganz Anderer geworden; seine Lustigkeit war ver-schwunden und hatte einem unruhigen, hastigen, scheuen Wesen Platz gemacht. SeinGesicht war bleich und in seinen Augen brannte ein düsteres Feuer. Auch war er wort-karg und verschlossen geworden, und so sehr ich auch in ihn drang und ihn bat, mir mit-zutheilen, was ihm denn eigentlich fehle, er blieb stumm und gab keine Antwort aufmeine Fragen.
Von meinem Vater erfuhr ich aber, daß er eine Liebschaft mit der Tochter desSchullehrers, einem eitel», putzsüchtigen Mädchen angeknüpft und ihr auch schon öftersGeschenke gemacht habe. „Diese Liebschaft", sagte mein Vater kopfschüttelnd, „bringtihn noch in's Verderben. Ich hab' ihm auch das gesagt, aber der Bursche ist verstocktund will nicht von ihr lasten. Von einer Heirath kann aber gar nicht die Rede sein,denn Beide haben keinen rothen Heller. Schlägt er sich aber das Mädel nicht aus demKopf, dann schick' ich ihn wieder heim zu seinem Vater, denn einen verliebten Jagd-Gehilfen kann ich nicht brauchen."
Nach dem Abendessen nahm Kaspar seine Büchse von der Wand und fragte mich,ob ich ihn nicht begleiten wolle. Ich erhob mich, nahm ebenfalls meine Flinte und wirschritten schweigend hinaus in den Wald. Als wir eine Strecke Weges zurückgelegt hatten,wandte sich Kaspar zu mir und sagte: „Franz, hör' mich an! Ich muß bis morgenAbend dreißig Gulden haben und Du mußt mir helfen, daß ich sie bekomme. WillstDu das thun?"