Ausgabe 
(27.6.1883) 51
 
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Ich blieb erstaunt stehen und sah ihn an.DaS ist viel Geld", antwortete ich.Wo willst Du es denn herbekommen und was soll ich dabei thun?»

Ich muß das Geld haben, und wenn ich es stehlen sollte», stieß Kaspar hervorund seine Augen glühten.Frage mich nicht weiter, ich könnte und dürfte Dir dochsonst nichts mehr sagen. Leihen wird mir das Geld Niemand, aber ich bekomme esdennoch, wenn Du mir beistehen willst.»

Gern", antwortete ich. Sag' mir nur, was ich thun soll.»

Drüben in den königlichen Forsten, nicht weit von der Grenze» stehen Hirsche»,flüsterst« mein Vetter.Wenn wir heut' Nacht einen schießen und ihn herüber schaffenkönnten, dann wäre mir geholfen. Allein kann ich den Hirsch indeß nicht transportiren,hilfst Du mir aber dabei, dann geht es gewiß und wo wir ihn hinschaffen müssen, da-mit er uns abgenommen wird, weiß ich auch.»

Nein, nein, das ist zu gefährlich», rief ich erschrocken,da könnten wir schön inTeufels Küche kommen I»

Dann bin ich verloren», sagte Kaspar tonlos.

Ich befand mich wirklich in einer schlimmen Lage. Entweder gab ich nach undbegleitete meinen Vetter, dann wurde ich Mitschuldiger eines Verbrechens, oder ich wiesdas Ansinnen zurück, nachher war mein Vetter ein verlorener Mann. Die Liebe zu ihmaber siegte endlich über alle meine Bedenklichkeiten und ich versprach, ihn bei seinemUnternehmen unterstützen zu wollen.

Am andern Morgen, als sich noch kaum ein Heller Streifen im Osten zeigte, standenwir schon draußen im Walde und schlichen der Grenze und jener Gegend zu, wo sichnach Kaspar's Aussage das Hochwild aufhielt. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen,um zu lauschen und schlichen dann wieder vorsichtig auf kaum erkennbaren Pirschwegenweiter. Wir hatten jetzt die Grenze überschritten und die größte Vorsicht mußte des-wegen angewandt werden. Im Osten wurde es auch schon immer Heller und Heller undbevor der Tag anbrach, mußten wir wieder zurück sein, entweder mit dem erlegten Hirsch,oder mit leeren Händen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, noch imletzten Augenblick gesehen und ergriffen zu werden.

Ich höre das Nudel», flüsterte mir da plötzlich mein Vetter zu und da wir geradevor uns eine Waldlichtung hatten, dieselbe, die Du da vor Dir siehst», unterbrachsich mein Onkel, indem er sich zu mir wandte,so konnte» wir das Wild, das ahnungslosüber die Lichtung zog, ganz nahe zu uns heranlassen. Hinter einigen Büschen verborgenwarteten wir, die Büchsen krampfhaft in den Händen haltend, auf das Näherkommendes Rudels, das aber plötzlich, hatte es nun von uns, oder von irgend etwas AnderemWitterung bekommen, stehen blieb und sich dann auf einmal seitwärts wandle.

Mit einem halb unterdrückten Fluch sprang mein Vetter empor. «Jetzt brauchenwir uns nicht mehr verborgen zu halten», rief er mir zu,wir müssen das Wild an-springen und uns dann auf unser gutes Glück verlassen, oder unser Pirschgang ist um-sonst gewesen. Nimm Du jenen starken Hirsch auf's Korn, der dort, einige Schrittevon dem Nudel entfernt, nachzieht, ich werde mir schon ein anderes Stück aussuchen undnun vorwärts!»

Wir sprangen auf und schlichen uns, einzelne niedere Büsche und Baumstümpfeals Deckung benutzend, auf das Nudel zu und waren schon ziemlich nahe an dasselbeherangekommen, als es plötzlich, von panischem Schrecken ergriffen mit gewaltigen Sätzendem nicht mehr fernen Dickicht zueilte.

Fluchend richtete sich Kaspar aus seiner gebückten Stellung auf, riß die Büchse andie Wange und wollte abdrücken, aber in demselben Augenblick ließ er auch das Gewehrschon wieder sinken und faßte krampfhaft meinen Arm. Ich warf erschreckt einen Blickauf sei» Gesicht, es war furchtbar bleich und seine Augen starrten gerade aus, als sähensie ein Gespenst. Jetzt hatte auch ich den Gegenstand erblickt, der ihm einen solchenSchrecken einiagte und das Blut wollte mir in den Adern erstarren, denn kaum dreißig