Ausgabe 
(27.6.1883) 51
 
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Schritte von uns entfernt, stand, die Büchse i»i Anschlag, ein Jäger hinter einer Tanne»der uns mit zornfunkelnden Blicken betrachtete.

Wir waren allerdings in einer verzweifelten Lage, aber wir hatten trotzdem nichtdie mindeste Lust, uns zu ergeben und da das Dickicht nicht gar zu weit entfernt war,machten mir verzweifelte Anstrengungen, um dasselbe wieder zu erreichen. Der Försterdes fremden Revieres aber verstand durchaus keinen Spaß und kaum hatten wir einigeSprünge gemacht, als es auch schon krachte und die Kugel meinem Vetter den Hut vomKopse riß. Jetzt galt es Leben gegen Leben und blitzschnell wandte sich mein Gefährte,riß die Büchse an die Wange und drückte ab.

Ein furchtbarer Aufschrei vermischte sich mit dem Krachen der Büchse, der Försterließ sein Gewehr fallen, breitete die Arme aus und stürzte vornüber auf das Gesicht.Entsetzt standen wir Beide einen Augenblick, dann aber rannten wir, wie von Furiengepeischt, in das Gebüsch und suchten unser Heil in der wildesten Flucht.

Entsetzlich", flüsterte ich, als mein Onkel, schwer athmend, einen Augenblick innehielt.Aber was wurde aus dem Erschossenen?"

Den fanden einige Minuten später Holzhauer, die nach ihren Arbeitsplätzen, welchesich in der Nähe befanden, gehen wollten und die Schüsse gehört hatten. Der Försterwar noch nicht todt, als sie ihn fanden, sondern sogar noch vollkommen bei Besinnungund konnte auch den Männern den Name» seines Mörders, der ihm wohl bekannt war,nennen. Er hatte sich Moos in die Wunde gestopft und Pulver verschluckt, aber eswar vergeblich, denn die Brust war durchschossen und auf dem Heimtransport verschieder. Die Holzhauer brachten nur mehr eine Leiche nach Hause."

Und wie erging es jenem unglücklichen junge» Mann, Deinem Vetter?" wandteich mich aus's Neue an meinen Oheim.

Er wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurtheilt", sagte der alte Mann trübe,und kam zum Weveldt nach München . Wir besuchten ihn einmal, mein Vater und ich,da stand er in Züchtlingskleidern, schwere Ketten mit Eisenkugeln an den Füssen , hinteninr Hofe des Gefängnisses, welchen er mit noch einigen anderen Sträflingen gerade reinkehren mußte. Er sah elend aus und mir wollte fast das Herz brechen bei seinem Anblick.Nach einigen Jahren jedoch wurde seine Haft eine leichtere; der Zuchthausdirektor Weveldtgewann ihn lieb und mein Vetter mußte ihn zuletzt überall hinbegleiten» wo Scheiben-schießen abgehalten wurden, denn der Direktor hatte ihn sogar zu seinem Vüchsenspannergemacht. Zehn Jahre vergingen auf diese Weise, da wurde er plötzlich, mit noch einigenanderen Sträflingen, die sich ebenfalls gut gehalten hatten, vom Könige nicht nur be«gnadigt, sondern er erhielt sogar, da sich Weveldt für ihn verwendete, in einem fernenBezirke die Stelle eines königlichen ForstwarteS, die er dann lange Zeit mit Ehrenbekleidet hatte.

Und was ist aus jener Lehrerstochter geworden?" fragte ich nach einer Pause,während wir uns erhoben, um den Heimweg anzutreten, denn es war unterdessen völligNacht geworden.

Die hatte den Unglücklichen bald vergessen, der so schrecklich für seine Thorheitenbüßen mußte, die er doch nur ihretwegen begangen hatte", sagte mein Onkel.Aber sosind die Weiber! Mein armer Vetter hat auch keine mehr angeschaut und ist sein ganzesLeben lang Junggeselle geblieben. Aus dem lustigen jungen Burschen aber wurde einfinsterer mürrischer Mann, der nur selten mehr gelacht hat. So, jetzt weißt Du dieGeschichte, die sich an jenes schwarze Kreuz dort drüben knüpft und jetzt wollen wir nachHause gehen."

Das thaten wir denn auch und als ich später daheim mein Lager aufsuchte, träumteich die ganze Nacht von jenem schrecklichen Ereigniß und dem schwarzen Kreuze draußenim Walde.