„Wir haben uns allerdings in H. im Hause der Frau Doktor Dörner getroffen"entgegnete Anna, ward aber durch Thusnelda unterbrochen, welche auf Sophie deutendsagte:
„Und diese Dame, Herr Bergmann, ist meine Erzieherin, Fräulein Sophie Dörner.Wir werden hier lange bleiben, so lange wenigstens, bis der Professor, der mein Arzt ist,von der Reise kommt!"
Ein leises Lächeln und der Ausdruck inniger Theilnahme überflog das weiter«gebräunte Gesicht des Verwalters, der freundlich erwiderte:
„Da benutzen Sie nur Ihren Aufenthalt bei uns, gnädiges Fräulein, damit diefrische Luft Sie für den Winter kräftigt und stärkt! — Machen Sie auch mit den Damendie hübschen Fahrten in die Berge, Herr Großpapa hat schon befohlen, daß die Pferdejederzeit bereit stehen sollen!"
Jetzt ward das Pferd des Verwalters herbeigebracht, und nochmals Anna mitprüfendem Blick betrachtend, verabschiedete er sich zugleich um es zu besteigen, und ritt,seinen Hut ziehend zum Thor hinaus, während sie auf Thusnelden's besonderen Wunsch,dem Hause zugingen, in dessen Thür schon Frau Bergmann stand.
Sie hatte die Unterhaltung ihres Mannes mit den Damen, die, wie sie wußte, amAbend zuvor angekommen waren, gesehen, und wollte sie nun ebenfalls begrüßen undkennen lernen.
Als sie näher kam, eilte Thusnelda in ihre Arme und ward von ihr voll Zärt-lichkeit an die Brust geschlossen, darauf wurden Sophie und Anna vorgestellt.
„Es wird gewiß den Damen hier still und einsam werden", sagte Frau Bergmannim Laufe des nun folgenden Gesprächs, „zumal der Herr Landkammerrath wieder soleidend ist. Aber unsere Gegend ist schön und die Berge sind nicht weit."
„Wir wollen recht bald ausführen, Frau Bergmann", entschied das kleine Fräulein,und wenn Sie Lust dazu haben, so begleiten Sie uns!"
„Das wird mir eine große Freude sein, gnädiges Fräulein", entgegnete sie miteinem lächelnden Blick auf Sophie, die sie als Erzieherin nennen gehört hatte.
Von dieser aber ivandten sich ihre Augen auf Anna, und gleich denen ihres Mannesblieben sie einen Moment länger als erforderlich auf ihren Zügen ruhen, wandten sichdann ab, kehrten aber nochmls zu ihnen zurück, indeß sie langsam und wie einen andere»Gedanken verfolgend, fortfuhr:
„Gelernt und gearbeitet wird hier wohl nicht —"
„Gewiß, Frau Bergmann", versetzte etwas weniger lebhaft das kleine Fräulein,und ihre Lehrerin fügte hinzu: „Wir beschäftigen uns auch hier jeden Tag, damit FräuleinThusnelda in Uebung bleibt!"
„Das ist sehr richtig, Fräulein Dörner", antwortete die Verwalterin. Der Menschkann nie zu viel lernen und unser gnädiges Fräulein ist noch jung."
Jetzt ward ihr Haus, wie das Innere der Treibhäuser, wo die herrlichsten Gewächseund edle, reife Früchte in reichlichem Maß vorhanden waren, besichtigt, doch richtetensich Frau Bergmann's Augen immer wieder auf Anna, welche anscheinend unbefangensich unterhielt, dennoch dies gewahrte, und überzeugt war, daß, gleich ihren Manne mitkräftigeren Augen als der Gutsherr versehen, sie wie Jener die Familienähnlichkeit ent-deckt hatte. Endlich gingen sie in's Schloß zurück, wo Sophie Dörner und Thusnelda sich einige Stunden beschäftigten, Anna aber einen Brief an ihren Großvater zu schreibenbegann, in welchem sie ihm ihre Reise, wie ihre Ankunft und Erlebnisse in Bodenwaldschilderte.
Als zur Mittagszeit der Verwalter Bergmann nach Hause kam, fragte er seienGattin, mit einem forschenden Blick betrachtend:
„Nun, Frau, die Damen vom Schlosse sind auch wohl hier gewesen — —"
„Und was sagst Du zu ihnen?" unterbrach Ersterer fast ungeduldig.
„Fräulein Thusnelda scheint mir dieselbe zu sein, und nützen ihr wohl alle Pro-