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schoren der Welt nichts. Sie ist wohl in Fräulein Dorner's Händen sicher aufbewahrtund diese gewiß ebenso liebevoll wie verständig-"
„Und was meinst Du zu dem Fräulein Herfeld?" fragte Bergmann noch un,geduldiger als vorher.
„Das Fräulein gefällt mir ganz ausnehmend, und ich glaube laum, daß man «inschöneres Mädchen sehen kann!" entgegnete lebhaft und ihrerseits mit einem forschendenBlick seine Gattin.
„Frau", sprach jetzt der Verwalter in leiserem Ton, „ist Drr an dem FräuleinHrrfeld nichts aufgefallen? — Erinnert nicht ihr Gesicht-"
„Ja, Bergmann", antwortete ernst und mit Nachdruck seine Frau, „sie hat «ineunverkennbare Ähnlichkeit mit den Bodenwald'S — —"
„Das meine ich auch-„
„Dasselbe Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase! — Es soll mich nurwundern, ob der Landkammerrath dies nicht auch bald sehen wird!"
„So lange er den Schirm und die blaue Brille trägt wohl nicht", meinte nach-denklich der Verwalter. „Es kann ja auch nur eine zufällige Ähnlichkeit sein, denn ichglaube nicht, daß der alte Kohring seine Enkelin heimlich und unter anderem Namen zuihrem Großvater gehen lassen würde, nachdem er so viele Jahre keine Nachricht von sichgegeben —"
„Der Ansicht bin ich auch, doch könnte Kohring darin gesehen haben, daß AnnaThusnelda von Bodenwald als Anna Herfeld von ihrem Großvater veranlaßt worden isthierher zu kommen", entgegnete ebenso nachdenklich Frau Bergmann.
„Das wird nicht lange unentschieden bleiben", sprach lebhafter der Verwalter, „laßnur erst den Landkammerrath das Familiengesicht sehen! — Eins aber möchte ich wissen!"
„Und das wäre?" fragte seine Gattin.
„Ob, falls wirklich Anna Herfeld die Enkelin des alten Kohring ist, dieser sie mitihrem wahren Namen und ihren Familienverhältnissen bekannt gemacht hat!" Wer weiß,er könnte dazu wohl besondere Gründe gehabt haben — —"
„Wie dem auch sei, Frau", sprach nach kurzer Pause Bergmann, „laß uns überunsere Entdeckung, namentlich dem Landkammerrath gegenüber schweigen. Die Wege derVorsehung sind wunderbar genug, und vielleicht gehen wir gar unerwarteten Ereignissenentgegen, doch sind wir schließlich an der Sache nicht eigentlich behelligt, und in Bezugauf seine Familienangelegenheiten ist er derselbe wie er immer gewesen!"
Der Landkammerrath konnte an der Mittagstafel nicht erscheinen, denn ein neuerGichtanfall, verbunden mit heftigen Schmerzen, hinderte ihn das Bett zu verlassen, dochließ er seinen Gästen die Hoffnung auSsprechcn, den Abend mit ihnen zu verleben. SeineEnkelin durste um ihn sein, und wie sie sagte, ihn pflegen, den andern Damen ließ erdurch sie anzeigen, daß er nach dein Mittagessen, welches altem Brauch gemäß um dreiUhr eingenommen ward, den Wagen bestellt habe, und sie ersuche, diesen zu benutzen,und eine Spazierfahrt zu unternehmen.
Seinen, Wunsch ward Folge geleistet, Sophie Dörner, Anna und Thusnelda fuhrendurch Gut Bodenwald, wo sie auf verschiedenen Feldern Knechte, Mägde und Taglöhneran der Arbeit beschäftigt sahen, vie Thusnelda lebhaft begrüßte. Bei einem Kreuzwegankommend, der zur einen Seite tiefer in die Berge führte sagte Thusnelda nach dieserRichtung deutend:
. „Dies ist der Weg nach dem Buchenhof, sollen wir nicht noch heute dort hinfahren?"
„Es wird zu weit sein", meinte Anna, die dessenungeachtet keinen sehnlicherenWunsch hatte, als die Stätte zu sehen, wo sie geboren worden, und ihre Eltern gelebtund gewirkt hatten. Da sie sich im offenen Wagen befanden, hatte der Kutscher dieseBemerkung gehört und sagte:
„Es sind fast zwei Stunden ors zum Buchenhof. Wir müssen früh am Morgenfahren, dann läßt sich der Weg bis zur Mittagszeit schon zweimal machen!"