412
»Das wollen wir sehr bald thun, Georg", entschied Thusnelda , „ich will schonheute oder morgen mit Großpapa darüber sprechen!"
„Ist es auf dem Buchenhof besonders schön?" fragte ihre Erzieherin.
„Nein", antwortete schnell der Zögling, „ich mag die vielen hohen Bäume nicht,'die um das Haus herum stehen, das so dunkel und kalt ist —"
„Es könnte auf dem Buchenhof schön genug sein", antwortete Georg, „wenn dortnur eine Familie wohnte, die das Haus und die Umgebung freundlich hielt. Früher soll esanders gewesen sein, da hat einer der Söhne des Herrn Landkammerrath's das Gut gehabt."
„Ja, mein Onkel Ludwig, der früh gestorben ist!" unterbrach ihn Thusnelda .
Den Namen ihres Vaters nennen hörend klopfte Anna's Herz schon lauter, zugleichfürchtete sie weitere Fragen und Erklärungen. Zu ihrer Erleichterung kam Bergmannherangeritten, der an ihrem Wagen haltend ein Gespräch mit ihnen begann, und ihneneinen in der Nähe befindlichen, leicht zu ersteigenden Berg bezeichnete, der nach mehrerenRichtungen hin frei lag, so daß sie den Sonnenuntergang ungehindert beobachten konnten.
Da ein schöner Sommerabend bevorstand, rieth Bergmann ihnen an, den Berg zubesuchen, und dem Kutscher den Weg angebend entfernte er sich grüßend, ohne Anna,tvas ihr nicht entging, wie am Morgen betrachtet zu haben. —
In dem hellerleuchteten Wohnzimmer saß der Landkammerrath, so weit es seineAugen zuließen, mit den Zeitungen beschäftigt, deren täglich mehrere ankamen. Er er-wartete mit einiger Ungeduld seine Gäste und Enkelin, die, obgleich es halb siebe» ge-schlagen, von der von ihm angeordneten Fahrt noch nicht zurückgekehrt waren. Endlichhörte er den Wagen kommen und halten und nach einer Weile traten die Erwartetenein. Thusnelda begrüßte ihn lebhaft und mit großer Zärtlichkeit, Sophie Dörner undAnna wurden mit freundlicher Höflichkeit von ihm empfangen, und als sie, nachdem sieebenfalls am Tische Platz genommen, sich nach seinem Befinden erkundigten und dieschmerzhaften Anfälle beklagten, denen er so oft ausgesetzt war, erwiderte er mit einerruhigen Ergebung, die Anna tief rührte:
„Diese Schmerzen bringen meine Leiden mit sich, ich bin während der langen Jahredaran gewöhnt. Eine große Freude ist es mir, daß nach und nach meine Augen mirwieder das Lesen gestatten, denn es hat Zeiten gegeben, wo der Verwalter, oder auchAugust mir die Blätter vorgelesen!"
Anna konnte sich des innigen Mitgefühls mit ihm nicht enthalten, und stellte sichzugleich ihren Großvater Kohring in seiner Rüstigkeit und Thätigkeit vor, und ein schwererSeufzer entquoll ihrer Brust. Dem Schloßherrn entging er nicht, und durch seine blaueBrille zu ihr aufblickend, sagte er in freundlichem Ton:
„Nicht wahr, mein Fräulein, davon können Sie in Ihrem Alter sich keine Vor-stellung machen? — Nein, in der Jugend denkt und ahnt man nicht, wie viele Leidenund Entbehrungen das Alter mit sich bringt, zumal wenn man es allein, ganz alleinverleben muß!"
Er hatte diese Worte mit tiefer Empfindung gesprochen, und durch das Herz derEnkelin zuckte ein schmerzliches Weh, das ihre Züge wiederspiegelten. Der Landkammer-vath, welcher sie mit wachsendem Interesse betrachtete, ohne jedoch ihr Gesicht genau unter-scheiden zu können, fuhr fort, während Thusnelda , ungeduldig über dies Gespräch, eineHandarbeit aufgenommen.
„Haben Sie zu Hause noch Geschwister oder Verwandte, oder ist auch Ihr HerrGroßvater, bei dem Sie, wie ich gehört, nach dem Tode ihrer Eltern gewesen, allein?"
„Meine Tante ist im Hause meines Großvaters, Geschwister habe ich nie besessen",entgegnete Anna mit fester Stimme. „Mein Großvater aber ist gesund und rüstig —"
„So danken Sie Gott für seine Gesundheit, ich aber wünsche, daß sie ihm nochlange, lange erhalten bleiben möge!"
^ „Ich werde ihm dies schreiben, Herr von Bodenwald", entgegnete Anna mit un-verkennbarer Erregung.