Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
Einzelbild herunterladen

413

Sie lieben Ihren Großvater wohl sehr?" fuhr, diese gewahrend, der Landkammer-rath fort.

Seit meiner frühesten Kindheit habe ich nur ihn und meine Tante gekannt undbin stets der Gegenstand seiner Liebe und Sorge gewesen!"

Fräulein Thusnelda hatte zur Handarbeit nie lange Ausdauer; auch jetzt ließ siedieselbe bald ruhen und unterbrach rechtzeitig das Gespräch, das vielleicht noch zu Auf-klärungen geführt, indem sie zu ihrem Großvater tretend, sagte:

Großpapa, morgen will ich Sophie und Anna das ganze Schloß zeigen!"

Thue das, Thusnelda", antwortete der Landkammerrath, den Blick langsam vonAnna abwendend, für die er eine ihm unerklärliche, aber schnell steigende Zuneigungempfand.Wo aber willst Du den Ansang machen?"

Mit Großmama's Zimmer, wo die vielen schönen Sachen sind, die sie aus Italien mitgebracht und mir gehören, nicht wahr, Großpapa?"

Ja, mein Kind", erwiderte langsam der Schloßherr seiner Enkelin.

Ich bin Großmama's einzige Enkelin und Erbin, sagen die Leute", fuhr miteinigem Selbstgefühl das schwachsinnige junge Mädchen fort.

Eine momentane Pause folgte, dann erwiderte der Landkammerrath in verändertem

Ton:

Welche Leute, Thusnelda ?"

Die hiesigen, Großpapa, in H. habe ich nie darüber gesprochen", lautete die schnelleAntwort.

Ich denke auch", fuhr der Landkammerrath mit merklichem Nachdruck fort,daßnachgerade Du zu vernünftig bist, um dergleichen mit den Leuten zu besprechen!" eineErwiderung, die Sophie Dörner sich merkte, und sich vornahm, ihren Zögling nicht außerAcht zu lassen.Meine Damen", wandte er sich dann an Sophie und Anna,lassenSie sich nach Belieben das Schloß zeigen, es thut mir leid, Sie nicht begleiten zu können,doch kann dies statt meiner auch Thusnelda . Sie werden zwar keine Kunstschätze finden,doch Mancherlei von Werth für eine alte Familie!"

Wir werden von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch machen, Herr Landkammertrath", entgegnete Sophie Dörner, und auf die Zeitungen blickend, die theilweise unberühr-lagen, fügte sie hinzu:Stören wir aber jetzt nicht in Ihrer gewohnten Abendunter-haltung?"

Keineswegs, mein Fräulein, ich werde später lesen. Der Schlaf pflegt sich erstspät bei mir einzustellen, und oftmals schließe ich kaum auf einige Stunden die Augen!"

(Fortsetzung folgt.)

Empfindsame Briefe aus BrNckenau.

Von Carl Felix.

1. Brief.

Ich mußte in der Schule einmal einen Aufsatz machen über die Nützlichkeit des Eisens. Ichzerbrach mir den Kopf, zu was wohl das Eisen gebraucht werden könne, von seiner rohen Gestaltan bis zu den feinsten Erzeugnissen der Kunst und Industrie und glaube, meine Aufgabe befriedigendgelöst zu haben, denn ich bekam nicht nur Note I, sondern sogar eine Extrabelobung meines Professors.Und doch hatte ich eine Eigenschaft des Eisens vergessen, eine Eigenschaft, die vielleicht wichtiger undsegcnspendender ist, als alle andern von mir ausgezählten zusammengenommen : seine blutbildendeKraft. Ich ahnte damals noch nicht, daß das Eisen ein unentbehrlicher Bestandtheil des Blutes sei,daß der Mensch, um gesund zu sein, täglich circa V»» Gramm dieses Metalls verzehren müsse, unddaß der Mangel einer an und für sich verschwindend kleineren Portion eine Störung im Blut- undNcrvenleben verursachen könne, ja daß ein paar Gran Eisen mehr oder weniger in den Adern dieUrsache sein können, warum der Eine hypersentimental, der Andere das Gegentheil ist! Von jeherwar ich eine etwas exzentrisch angelegte Natur und ließ meiner Phantasie stets freien Spielraum; esist deshalb nicht zum wundern, wenn meine spätere Erkenntniß von der Nützlichkeit des Eisens fürden menschlichen Körper in meinem Geiste mitunter wunderliche und exzentrische Blüthen trieb. Sobildete ich mir z. B. ein, es wachse mir nur deshalb so lang kein anständiger Bart, weil ich innerlichzu wenig Eisen habe, wenn ich auch von außen mein Kinn fleißig mit den: Rasirmesser bearbeitete