Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
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und eines Tages träumte ich mich, obwohl sonst ei» ganz friedliebender Mensch, in die Zeiten eine-,Nero und Caligula zurück und rechnete aus, wie viel Christen umgebracht werden müßten, um ausdem Eisengehalt ihres Blutes eiu ordentliches Schwert zu machen I Gut, daß Nero und Caligula nochkeine Idee von diesen Dingen hatten, sie würden sonst eine ganze Arme« mit Schwertern aus Christen-blutcisen bewaffnet haben.

Die Jahre schwanden; ich wurde größer und vernünftiger, wurde Gatte und Vater und hattekeine so mörderischen Ideen mehr; meine Phantasie lenkte in andere Bahnen ein.

Mit den zunehmenden Jahren und dem zunehmende» Embonpoint aber verschwand die Sorg-losigkeit der Jugend, allerlei Gebrechen, theils wahre theils eingebildete, stellten sich ein und als icheines Tages meinen Hausarzt consultirte, sagte er ganz ernsthast:

Sie sind blutarm und nervenschwach, mein Lieber, und müssen in ein Stahlbad; am bestenwird sllr Sie Brückcnau sein!"

Ich machte ein bedenkliches Gesicht, denn bisher mußte ich noch nie in ein Bad, und aus derOrdinirung einer Badekur folgerte ich eine ganze Reihe bekannter und unbekannter Leiden. Ich warnur über das Eine froh, daß er mich nicht nach Neichenhall oder Merau schickte, denn in diesem FallHütte ich sicher zuerst mein Testament gemacht, wenn ich auch nicht viel zu tcstirc» habe!

Es galt nunmehr bloß einzupacken und abzureisen. Ich hatte mich zwar anfänglich leicht in

den Gedanken hineingelebt, einmal eine dreiwöchentliche Badekur durchzumachen, je näher aber derTag der Abreise daherkam, um so schwerer wurde es mir um's Herz.

Bisher hatte ich mein liebes Weib noch nie allein zurückgelassen, diesmal mußte es aus ver-schiedenen Gründen sein, und wenn ich an den Abschied dachte, mußte ich alle meine Kraft zusammen-nehmen, um nicht zu weine»! Das kommt nur davon her, weil ich ein paar Gran Eisen zu wenigin meinem Blute habe! Verwünschtes Eisen!

Als es an's Abschiednehmeu ging, wollte die Rührung kein Ende nehme»; es war nicht, als

ob ich blos nach Brückenau , sondern als ob ich direct in's Jenseits abfahren wollte. Alle meine

Bekannten und Verwandten, lauter, wie es scheint, hypcrscntimentale Naturen, drückten mirzitternd die Hand und weinten helle Thränen.

Nimm Dich ja recht in Acht, Felix, schone Deine Gesundheit, damit Dir Nichts passirt undDu glücklich wieder heimkommst", hieß es im Chorus. Mein liebes Weib war sehr gefaßt, aber ichmerkte wohl, daß es nur mit Mühe eine äußere Ruhe zur Schau trug und dies that mir weher, alswenn es gleich den Andern sentimental gestimmt gewesen wäre. Am standhaftesten war jedenfallsmeine Schwiegermutter, aber die ist eben eine durch und durch gesunde Frau und bat mindestens einPfund Eisen m ihrem Blute!

2. Bries.

Am Morgen des 8. Juni fuhr ich ab. Lebewohl, geliebte Vaterstadt, lebt ivohl, ihr Theure»Alle, die ich in derselben zurücklassen muß! Aus ein glückliches Wiedersehen!-

Noch ein Schwenken des Hutes, noch ein Blick auf die Thürme der Stadt, dann hinaus,hinaus in die eben erwachende Morgenlandschast! Meine Reise ging über Ansbach , Würzbura,Gemüiiden nach Jossa, wo die ersten einschmeichelndenNa nu", meine Ohren ergötzten. In Jossa erwartete mich ein feiner Landauer der Herren Zier und Wähler vom Bad Brückenau . Es war einwundervoller Tag und die Fahrt in einer offenen Equipage durch die schöne Gegend bot eine reizendeAbwechslung nach der langen Eisenbahnfahrt. Behaglich lehnte ich mich wie ein Lord in die Ecke desWagens. Bei einer Biegung des Weges stand ein armer, zerlumpter Mann- Er grüßte mich so ehr-erbietig, als ob ich der König von Bayern wäre. Obgleich er mich nicht anbettelte, merkte ich doch,daß dem guten Manne eine Gabe recht willkommen sei und ließ den Kutscher halten.

Wie geht's Euch, lieber Mann?" redete ich ihn mit dem sreundlichsten Ton, dessen meineStimme fähig ist, an.

O, Herr, wie wird's einem alten, gebrechlichen Mann gehen? Immer noch ein bische» zu gutzum Sterben, aber viel zu schlecht zum Leben! Sie glauben wohl, Herr, ich sei schon recht, recht alt,weil ich so gebrechlich ausschaue, aber nur das Unglück hat mich so heruntergebracht."

Was ist Euch denn passirt, guter Man»? Erzählt mir kurz Eure Geschichte, ich intcresfiremich dafür."

O Herr, was soll ich Ihnen erzählen, ich kann nicht so mit der Sprache umgehen, ich ver-steht nicht, mit vornehmen Leuten zu reden. Und die vornehmen Leute wollen ja doch Nichts vonUnsereins wissen, die denken an andere Dinge."

Nicht Alle, mein Lieber, es gibt schon noch Einige, die ein Herz haben für ihre Nebenmenschen.Sagt mir also, was Eiich passirt ist."

Sie sind ein freundlicher Herr. Es sind aber nicht alle Fremden, die hierher kommen, so. Ichbettle ja Keine» an, weil ich gar nicht betteln kann und so lang es geht mir mit meiner Hände Arbeitmein Brod verdienen will. Ich bin nur srenndlich gegen Jedermann, weil man mich das von Jugendaus gelehrt hat und grüße Jeden, der mir begegnet. Da meinen denn Viele, ich wolle sie anbetteln,wenn ich den Hut herunterthue und schauen mich stolz an; das thut mir weh, wenn ich auch nur ein'armer Mann bin^ denn ich meine, einen, artigen. Gruß könnte Jeder erwidern, wenn er auch noch io