Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
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vornehm ist. Der alte König Ludwig, Gott hab' ihn selig! war gewiß ein vornehmer Herr,aber der war leutselig, der hat mir, wenn er hieher. gekommen ist, und er war ost und gern hier inder Gegend, jedesmal auf die Schulter geklopft, und gesagt: «Nun, wie geht's Euch denn, Aller?"obgleich ich damals noch nicht alt war, und hat mir dabei ein Geldstück in die Hand gedrückt. Gott hab' ihn selig! Später ging's mir schlecht. Es fiel mir das Heiraten ein. Ich lebte zwar rechtglücklich und zufrieden init meiner Frau, aber nach dem dritten Kind wurde sie elend und krank undsiechte dahin. Der Doktor meinte, eine Luftveränderung würde ihr gut thun, sie solle einige Zeit inein wärmeres Klima, aber, Du mein Gott, wie hätten wir das thun können! Ein solches Opfer konntenwir nicht bringen, ein armer Holzfäller kaun seine Frau nicht anderswohin schicken! Ja, wenn dergute König Ludwig noch gelebt hätte, dann wäre Alles anders gekommen! Ich war bisher trotz meinerbescheidenen Verhältnisse glücklich und zufrieden, jetzt trat bei mir ein Gefühl der Bitterkeit undUnzufriedenheit ein, ich beneidete diejenigen, die es vermochten, hieher zu reifen und sich, wenn auchfür theures Geld, ihre Gesundheit zu erkaufen. Man sagt wohl immer, die Gesundheit sei mehr werthals der Reichthum, vielleicht ist'S auch wahr. Was thut denn aber der arme Tcufel, wenn er krankist? Der Reiche kaun sein Leben manchmal noch fristen, wenn er in ein Bad oder sonstwohin reist,

der arme Teufel muß aber, so lauge er nur ein Glied rühren kann, Tag für Tag der Arbeitnachgehen, um fei» Brod zu verdienen, der darf auf seine Gesundheit nicht acht geben, und geradeihm ist sie am unentbehrlichsten!

Ich will Sie nicht zu lang aushalten, lieber Herr, ich habe auch nimmer viel zu sagen. Meingutes Weib starb und kurze Zeit darauf traf mich ein Unglück, das mich unfähig machte, meine ge-wohnte Arbeit weiter zu verrichten. Ich konnte nur mehr einen Steinklopfer machen und hatte zuHause drei kleine Kinder zu ernähren. Nun, meine Kinder sind jetzt so groß geworden, daß sie sichwas Ordentliches verdienen könnten, wenn ich sie etwas Tüchtiges Hütte lernen lassen können, aberso geht's halt schwer! Ich will ihnen nicht auch noch zur Last fallen und da muß ich halt sortarbeiten,wenn's mir auch manchmal recht sauer wird. Nun, lang wird's nimmer dauern und wenn ich ge-storben bin, dann wird sich der liebe Herrgott meiner schon erbarmen; ich glaube nicht, daß es imHimmel einen Unterschied zwischen reichen Leuten und armen Steinklopfern gibt!"

Gewiß nicht, guter Alter", erwiderte ich,wer seine Schuldigkeit hier gethan hat, wird dieKrone des Sieges empfangen und der arme, brave Taglöhnex, der immer rechtschaffen und thätiggelebt hat, kann, wenn er einmal aus's Sterbebett kommt, mit viel mehr Beruhigung und Freude aussein kümmerliches Leben zurückblicken, als der vornehme Tagedieb, der nicht weiß, wie er die Stundentodtschlagen soll!"

Es überkam mich eine ganz unendliche weiche Stimmung, ich schämte mich fast, in einernoblen Equipage zu sitzen und drei Wochen lang auch so ein Tagedieb zu sein, während hundert undtausend Andere in Noth und Elend schmachteten. Ich reichte dem guten Alten ein Geldstück, ohnelange zu schauen, was es war, und fuhr weiter.

Gott segne Sie, lieber Herr", rief er mir nach,Gott segne Sie tausendfach, und lasse Ihnen,wenn Sie krank sind, das Bad Brücken»» gut anschlagen!"

Danke, danke", rief ich zurück und winkle dem Kutscher schneller zu fahren, denn es hattensich während der letzten Worte mehrere Leute nur uns versammelt und horchten neugierig zu.

Wären mir heute viel solche arme Leute begegnet, dann hätte ich meinen ganzen Geldbeutelgeleert, eh' ich Brückenau erreichte, so weich war ich gestimmt!

O meine Nerven, mein eifenarmes Blut!

3. Brief.

Jetzt bin ich da! Ich athme die würzige Luft dieser himmlischen Wälder, in denen so vieletraute Plätzchen unter riesigen Buchen und tausendjährigen Eichen sind, trinke auch fleißig das Stahl-wasser, welches nicht wie andere Eiscnmassen nach Tinte schmeckt, sondern feines großen Kohlensäure-gehaltes wegen, recht angenehm und erfrischend ist und begreife, warum für Viele Brückenau so großeAnziehungskrast besitzt, daß sie es immer und immer wieder besuchen.

Hier wirkt die Natur in ihrer vollen Reinheit und Frische belebend und kräftigend und ver-söhnend auf Geist und Gemüth. In diesen prächtigen Wäldern kann man stundenlang sitzen undträumen, ein Hauch des Friedens weht durch dieselben, der dem kranken Gemüth Balsam, dem ver-wundeten Herzen Trost verleiht. Ferne sind die künstlichen Reizmittel, welche in Lnxusbädcrn an-gewendet werden, um den kranken Körper und die kranke Seele über die Leiden der Gegenwart aufAugenblicke zu täuschen und die doch nur einen physischen oder moralischen Katzenjammer hinterlassen;hier ist es die Natur in ihrer Jungfräulichkeit, die iedem empfänglichen Gemüthe den Weihekuß gibt.

O du herrliche, himmlische, einzige Natur! In deine» Armen wird der Mensch zum Menschen,

so lange er dich mit Liebe umfaßt, schweigen die dunkeln Leidenschaften, die der Pesthauch modernerCultur und modernen Luxuslebens sind. Weg von jenen Plätzen, wo berauschender Sinnentaumel

die Loosung des Tages ist, wo Intriguen und Falschheit herrschen,-hinein in den schönen Wald,

wo Ruhe und Friede ist. Die Kronen hundertjähriger Buchen und tausendjähriger Eichen wölbensich über Dir, ihre Blätter flüstern sich leise Liebesworte zu, die Vogel singe» jubelnd in den Zweige»,die Eichhörnchen springen lustig von Ast zu Ast, von ferne rauscht die Sinn und ihre Wellen er-zählen sich plätschernd von lachenden Usern und blauen Vergißmeinnicht, über das Kornfeld am