Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
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der Seinestadt eine gewaltige Veränderung vorgegangen. Der Eroberer, gegen den ihrRevanche predigt und Patrioten-Vereine gründet und jeden Augenblick mit blind geladenenPathos zu Felde zieht, der deutsche Eroberer ist wieder hier eingedrungen und hat vielweiter um sich gegriffen, als Anno 1871. Damals durste er kaum über die Vorstadthinaus, nur bis zu den Tuilerien; heute hat er ganz Paris . . » Und das Schlimmsteist, diesmal spürt ihr den Feind nicht. Trefft ihr mit ihm zusammen, so haltet ihr ihnfür euren besten Freund, küßt ihn ab, schmatzt und schnalzt mit der Zunge und preistseine Güte mit glänzenden Augen. Höchst bedenklich, lieber Freund!"

Und da mich der Erschrockene aufforderte, womöglich ohne Bild zu sprechen, fuhrich fort:

Der Feind ist das Münchener Vier ... das Vier überhaupt. . . Ihr Fran-zosen scheint mir in der That auf dem Wegs zu sein, ein biertrinkendes Volk zu werdenund den Spruch Goethe's umzudrehen: Ein echter fränk'scher Mann mag keinen Deutschenleiden, doch ihre Biere trinkt er gern. . « Da hilft kein Leugnen, die Thatsache springtin die Augen. Vor dem Kriege versteckten sich die deutschen Vierschünken bescheiden inSeitengassen und Nebenstraßen, und wenn sie sich auf's Boulevard herauswagten, sogeschah es ohne Aufsehen. Erinnerst du dich des kleinen Locales in der Ruhe d'Haute«ville, wo wir vor so und so viel Jahren wir wollen sie lieber nicht zählen hinund wieder unsern Durst löschten? Zwei Kämmerchen zu ebener Erde, in jedem etlicheTische aus Tannenholz, ein paar Stühle, ein lederner Divan, mehr brauchten wir nicht,um München nach Paris zu zaubern. Jetzt, wo euch alles Deutsche so verhaßt sein soll,prangen die deutschen Bierhallen mit ihren bunten Schaufenstern an allen Enden undEcken der Weltstadt. Schlendert man an einem warmen Nachmittag die Boulevardsentlang, so sieht man vor den zahllosen Kaffeehäusern und Brasserien eine beinahe un-unterbrochene Doppelreihe von Tischen, hinter welchen Bier getrunken wird, fast nichtsals Vier, deutsches Bier. Sollte da nicht Bismarck dahinter stecken? Bedenke, was erüber die biertrinkenden Völker gesagt hat. An diesen sei Hopfen und Malz verloren.Das Bier verfettet den Körper, verschlemmt den Geist, es raubt den Gliedern und denGedanke» die Spannkraft, die Beweglichkeit. Mich wundert, daß noch kein Franzosedarauf gekommen: euer Durst ist zum Verräther an euch geworden, Bismarck hat sichmit ihm verbündet, um Paris zu verdeutschen, Frankreich auf immerdar zu lahmen. Dazubedarf er keines Millionenheeres mehr, ein paar Dutzend Münchener Brauknechte genügen. Doch, was meinst du? Der Nachmittag ist warm, sehr warm, wie wär's, wennwir ein Glas Bier trinken gingen?"

Ich entsinne mich nicht, daß mein Freund eine derartige Frage jemals verneint Hütte.Meinen Bemerkungen hatte er seine Zustimmung nicht ganz versagen können; er gab zu,daß das verhängnißvollediere äs ^Vlunioli" an immer mehr Orten zu lesen sei undauf seine Landsleute immer verführerischer wirke. Paris , klagte er, sei, wenn nicht ver-deutscht, doch schon ein bischen verbayert, und in diesem Bayrisch Paris schien er Wegund Steg trefflich zu kenne», denn in halb scherzhaftem Tone erbot er sich als Führerzu einem Ausflug dahin. Es kam mir ganz wunderlich vor, daß ein Franzose denDeutschen durch das neue Bierland an der Seine geleiten sollte.

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Wo er mich zunächst hinbrachte, floß Spatenbräu. Man kann sich kein prunkhafterausgestattetes Wirthshaus denken, nirgends wohnt König Gambrinus so vornehm, wiean diesem Orte. Braunes Deckgetäfel, die Wände ringsum mit Gobelin's verhüllt, ge-schnitzte Eichentische, Bauernstühle von gepreßtem Leder, die Fenster lauter Glasmalereien,Nürnberger Scenen, Landsknechte und Nittersleute darstellend: mit dem bayrischen Bierist die morderne Münchener Decorationskunst, welche die Rathskeller und Trinkhallen mitmittelalterlichen Schildereien und biederen deutschen Reimlein schmückt, hier eingezogen.Deutsche Worte an die Wand zu malen, hatte man nicht gewagt, aber die französischen waren in deutschen Buchstaben hingepinselt, und das Biöre de Munich und Taverne