Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
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deutlich erkannt» mir schon ein so wohlthuender, vertrauter gewesen, wenn sie meineEnkelin, das Kind meines Sohnes Ludwig wäre?"

Einmal diesen Gedanken gefaßt, verfolgte er ihn weiter, und das Haupt gegen dieLehne des Krankenstuhles stützend, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort:

Dem Alter nach kann sie es sein, der Gestalt nach auch, sie hatt eine stattlicheGröße, die auch den Frauen unseres Hauses eigen gewesen l und ihr Gesicht?Das muß ich ohne die Brille sehen ob ich sie zu mir bitten lasse, und sie zugleichfrage aber was?" unterbrach sich der Schloßherr.Nach ihren: Namen? Sieheißt Anna Herfeld! Doch könnte ich sie nach dem Namen ihres Großvaters fragen,und würde dann bald meiner Sache gewiß sein! Wenn sie aber keine Ahnung von demhat, was hier vor langen Jahren vorgegangen, ihr Großvater ihr alles verschwiegen,mit guter Absicht verschwiegen, darf ich da seinem Willen entgegen treten, ich, der ihn,damals das Kind überlassen, es nicht einmal gesehen habe?"

Nochmals sann der Landkammerrath nach, sann lange nach, und kam endlich zu demEntschluß, an Anna Herfeld noch keinerlei Frage zu richten, sich aber zu überzeugen,ob ihre Gesichtszüge die der von Bodenwald seien.

Im Begriff seinem Diener zu klingeln, um sich in das Schlafzimmer geleiten zulassen, hielt er jedoch inne und sagte:

Wenn wenn diese Anna Herfeld doch meine Enkelin wäre? Wenn sie Alleswüßte, von ihrein Großvater in unsere Familiengeschichte eingeweiht, und dessen ungeachtethier unbefangen und mit freier Stirne auftritt, voll Sorge und Aufmerksamkeit gegenmich, als habe sie von mir nur Liebe und Güte erfahren, während ich doch" er stockteund fügte erst nach einer Weile bewegt hinzu:Wenn Anna Herfeld» Anna Thusneldavon Bodenwald ist, so ist sie nicht mit gehässigen Gefühlen gegen mich erzogen, und hat'vielleicht gar erst kürzlich die Geschichte ihrer Geburt erfahren. Kohring hatte Berg-mann beim Abschied gesagt, dem Kinde erst, wenn erforderlich, in späteren Jahren seinenNamen mittheilen zu wollen, wer weiß, was auch in der Familie geschehen ist, wasFörster Kohring erlebt haben mag, ich will daher dem Verlauf der Dinge in Ruhe ent-gegensehen! Sollten aber Bergmann's, die sie diesen Morgen gesehen, nicht vielleichteine Familienähnlichkeit entdeckt haben? Ich könnte sie fragen doch nein, nein,das darf nicht geschehen! Ich selbst muß die Entdeckung machen, und will sie baldigstmachen, brauche ich mich doch meiner Enkelin, wenn sie es sein sollte, nicht zu schämen,denn Kohring hat sie in jeder Beziehung standesgemäß erzogen!"

Während dieses Selbstgespräches des Landkammerrath's saß Anna in dem alter«thümlichen Sopha ihres Zimmers, das schöne Haupt ebenfalls gestützt, und sann gleichihrem Großvater nach.

Sie hatte den zweiten Abend mit ihm verlebt, und vergegenwärtigte sich ihre Unter-haltung, zu Anfang derselben seine Fragen nach ihrer Heimath und ihrer Familie.

Zunächst wird er sich nach dem Namen meines Großvaters erkundigen", sagte siehalblaut,und was was soll ich ihm dann antworten? Die Wahrheit? Er wirderschrecken, und ich möchte ihm diese Aufregung ersparen, aber wie? Wie soll ich michihm zu erkennen geben? Ich glaube nicht, daß er mir zürnen wird, ohne sein Bor-wissen hierher gekommen zu sein, es scheint sich in seinem Herzen, ihm vielleicht noch un-erklärlich» «in warmes Gefühl für mich zu regen, und gewiß bereut er längst seine Härtegegen meinen verstorbenen Vater, und nimmt sein einziges Kind mit Liebe auf, sind ihmdoch für seine letzten Lebenstage nur wenig Freuden geblieben! Meinen Gefühlennach ist es am richtigsten, ihm meinen wahren Namen zu nennen, seinen Zorn über michergehen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich von sich weisen sollte. Da»aber wird er nimmer thun", setzte sie zuversichtlich hinzu,mein Herz sagt mir vielmehr,daß er mich willkommen heißen, und als seine Enkelin aufnehmen wird, es ist ja als obich von Gott hierhergeführt sei, um meine beiden Großväter zu versöhnen, und mir denPlatz zu sichern, der mir gebührt!"