Nr. 54. Samstag, 7 . Juli 1883.
Des Försters Enkelkind.
Original-Novelle von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
XXII.
Thusnelda war fast hergestellt, und ließ es sich daher nicht nehmen, Sophie undAnna im Schlosse umherzuführen, wie es ihnen am Abend zuvor versprochen, und ihrGroßvater es gestattete. Dieser hatte den Befehl gegeben, in sämmtlichen Zimmern dieFenster zu öffnen und die warme Sommerluft einziehen zu lassen, eine Vorsicht, die,nachdem sie so lange geschlossen gewesen, nur zu erforderlich war.
Gleich den bewohnten waren die verschiedenen Räume, welche sie betraten, in alter-thümlicher aber meist kostbarer Weise ausgestattet, und die seidenen und wollenen Stoffeder Vorhänge und Mobilien auf das Sorgfältigste erhalten. Voll tiefer Empfindung,die sie jedoch sorgfältig verbarg, wanderte Anna in diesen Räumen umher; in einemgroßen Schlafzimmer standen vier Kinderbetten, und Thusnelda erklärte, daß sie ihremVater und seinen Brudern, als sie klein gewesen, gehört.
„Also auch meinem Vater!* dachte Anna und betrachtete sich die kleinen Nußbaum-bettstellen mit den seidenen Decken genauer. Im nächsten Zimmer hatten die kleinenJunker gewohnt, da war noch Spielgeräth aller Art vorhanden, und kleine Tische undStühle standen an den Wänden, als seien die Kinder erst kürzlich davon gegangen, undrührten sie nicht seit langen Jahren schon in der Familiengruft.
Von dem Kinderzimmer gelangten sie in die Gemächer der Schloßherrin, in derenEinrichtung Geschmack und Luxus entfaltet war. Weiche brüsseler Teppiche deckten dieFußböden, die Wände waren mit Goldtapeten bekleidet, und kostbare Seide zu den Mobilienund Vorhängen verwendet. In den verschiedenen Glasschränken waren die Schätze ver-wahrt, von denen Thusnelda gesprochen, vor allen Dingen eine reiche Sammlung vonSchmuckgegenständen aller Art, und Diamanten, Perlen und andere Edelsteine strahltenihnen aus den Etuis entgegen, die sie öffnen durften, denn der Landkammerrath welcherselbst die Schlüssel dazu verwahrte, hatte sie seiner Enkelin gegeben.
„Alle diese Schmucksachen bekomme ich", sagte wiederum Thusnelda , „und auchnoch das, was in den Schränken ist. Großmama hat alle diese schöne Sachen gekauft,und mir gehören sie, denn ich bin ihre einzige Erbin!"
Anna konnte sich nicht enthalten, die weiteren Schätze ihrer Großmutter anzusehen,und Sophie Dörner war neugierig, den Inhalt der übrigen Behälter kennen zu lernen.Dieser bestand aus einer großen Anzahl kostbarer Seidengewänder in den schönsten Farben»und der Mode früherer Zeit angemessen, und aus allen anderen Gegenständen desNutzens und des Luxus, die Frau von Bodenivald bei ihren Lebzeiten gebraucht, ausSchätzen von Leinwand aller Art und schwerem Silbergeräth, das aber seit ihrem Todenicht angerührt worden. Außerdem waren die Räume mit den verschiedensten Kunst-schätzen geschmückt, und Bilder, Vasen und Büsten, und was sonst der Reichthum anzu-schaffen vermag, in reicher Auswahl vorhanden.