Ausgabe 
(7.7.1883) 54
 
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Mich wundert nur, dies Alles so frisch und wohlerhalten zu sehen", sagte endlichSophie Dörner zu Anna, welche ernst und sinnend auf alle diese Schätze schaute, diezum Theil auch ihr gehörten.

Frau von Vodenwald ist wohl noch nicht lange todt?" entgegnete ausweichend

Anna.

Großmama ist vor sechs oder sieben Ihren gestorben", berichtete Thusnelda .

Das macht die Sache erklärlich", entgegnete Sophie, und fügte zu Ersterer ge,wandt, leiser hinzu:Schade, daß alle diese Schätze und Herrlichkeiten für ein so armes,armes Kind sind!"

Anna hatte keine Erwiderung auf diese Bemerkung, mußte aber das Gesicht ab-wenden, denn sie fühlte das verrätherische Blut in ihre Wangen steigen.

Glücklicherweise gewahrte sie in dem anstoßenden Zimmer einen Bücherschrank unddarauf hindeutend, sagte sie:

Frau von Bodenwald hat offenbar auch Freude an geistiger Unterhaltung gefunden.Sieh' nur, Sophie, die reiche Sammlrng von Büchern!"

Sie traten hinzu, um sich diese näher zu betrachten. Es waren die Klassiker ver-schiedener Sprachen, auch andere bedeutende Berfasser vertreten, und man sah es derAuswahl an, daß Frau von Bodenwald eine Dame von Bildung und Kenntnisse»gewesen.

Sobald ich diese Bücher bekomme, will ich sie Dir schenken, Sophie", sagte Thus-nelda , die Schätze der Literatur gleichgültig betrachtend.Ich lese nicht gern, und Dukannst mir erzählen, was darin steht, denn Du wirst doch wohl immer bei mir bleibenund mit mir hier wohnen!"

Ihre Begleiterin konnte sich des Lächelns nicht erwehren, sie aber fügte hinzu:

Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich es thue, Sophie. Ich werde auch AnnaVielerlei schenken, denn ich kann doch nicht Alles allein gebrauchen!"

Nach diesem wurden auch die Zimmer des ersten Stockwerks in Augenschein ge-nommen, die sich jedoch nur durch eine besonders schöne Aussicht auszeichneten. Siewaren für Gäste und Fremde bestimmt und war in allen die Einrichtung wohlerhalten,ein Beweis, daß eine' tüchtige Hand die Oberleitung in Schloß Bodenwald führte.

Da nach einer theilweis durchwachten Nacht Thusnelda der Ruhe bedürftig war,so schlug Sophie vor, sich die Räumlichkeiten des Erdgeschosses anzusehen, ein Vorschlag,mit dem auch ihr Zögling und Anna übereinstimmten.

Als sie ihren Morgenanzug mit einem andern vertauscht, ging sie nach etwa einerhalben Stunde in die unteren Räume des Schlaffes hinab, wohin Sophie und Thusnelda ihr so bald als möglich folgen wollten. Sie hatten schon am Morgen erfahren, daß derLandkammerrath eine gute Nacht gehabt, sich wohler als sonst fühle und beim Mittagessenerscheinen werde.

Das schöne Wetter lockt« Anna in's Freie hinaus; sie trat auf die Terrasse undschritt diese langsam hinab, dabei überlegend, wie sie ihren am vorigen Abend gefaßtenEntschluß ausführen könne, mochten auch die Folgen sein, welche sie wollten.

Bald hatte sie ein größeres Gemach erreicht, dessen Fenster und Thüren weit ge-öffnet standen und hineinblickend sah sie, daß die Wände mit Familienbildern geschmücktwaren. Ein langer glänzend polirter Tisch und viele an den Seiten stehende Stühleließen schließen, daß eS bei festlichen Gelegenheiten als Saal benutzt worden sein mochte.

Nasch trat sie ein, denn sie hatte noch in sämmtlichen Zimmern kein Bild der Boden-wald's gefunden und begann sich diese der Reihe nach anzusehen, überzeugt, auch das-jenige ihres verstorbenen Vaters zu erblicken.

Es war dies nicht schwer, denn der Landkammerrath mit seinen Söhnen und seinerEnkelin schloffen die stattliche Reihe der von Bodenwald, denen er entstammt war, undAnna fand das Bild, das den Namen ihres Vaters trug.

Es war ein schönes, jugendliches Männergesicht, dem man körperliche Schwäche und