Ausgabe 
(7.7.1883) 54
 
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Kränklichkeit nur wenig ansah, und dem sie sprechend glich. Es war dasselbe goldblondeHaar, die tiefblauen Augen mit den dunklen Brauen, dir gebogene Nase, der schön ge-schwungene Mund und sinnend stand Anna vor diesem Bilde, an dessen Seite daSder Gattin fehlte wie auch das ihrige, als Tochter Ludwigs von Bodenwald.

Dann ging sie zu dem Portrait ihrer Großmutter; sie war eine schöne Frau mitdunklen Augen und Haaren, deren Züge aber genugsam ihren Charakter verriethen, undsich von ihr abwendend, trat Anna vor ihren Großvater. Diesem war der Sohn soähnlich, wie sie ihrem Vater, doch hatten die Züge des Landkammerraths als sieben-zigjähriger Greis, wie sie ihn seit wenigen Tagen kannte, viel von dem Ausdruckdes Stolzes und der Strenge verloren, die noch auf dem Bilde hervortrat, und daSvolle weiße Haar des Schloßherrn gab diesem ebenfalls ein milderes Aussehen.

Anna trat darauf nochmals vor das Bild ihres Vaters, ward aber an dem weiterenBetrachten desselben verhindert, denn sie hörte ein Geräusch, und sich umblickend, sah sisden Nollstuhl ihres Großvaters, in den Saal geschoben von einem Diener, welcher sämmt-liche Thüren schließend sich sofort wieder entfernte.

Guten Morgen, Fräulein Herfeld", begann, sobald sie allein waren, der Land-kammerrath, und ihm entgegen blickend sah sie, daß unter dem grünen Schirm jetzt dieblaue Brille fehlte.

Ucberrascht durch seine unerwartete Erscheinung stand sie «inen Augenblick sprachlosda, dann aber sich fassend» trat sie an den Wagen, und ihre schlanke Gestalt leicht neigend,erwiderte sie mit erregter Stimme: *

Guten Morgen, Herr Landkammerrath", dabei begegnete sie einem so scharfen,forschenden Blick, daß sie erröthend den ihrigen abwandte, und fast stockend hinzusetzt«:Sie haben Ihre Zimmer heute schon früh verlassen."

Es war meine Absicht Sie und Fräulein Dörner hier bei den Familienbildern zuüberraschen", antwortete der Schloßherr, dessen Augen noch immer forschend und prüfendan Anna's Zügen hefteten,nun aber sehe ich,' daß Sie allein gekommen sind."

Fräulein Dörner ist bei Thusnelda geblieben, welche die Nacht nicht gut geschlafen."

So freut es mich, daß ich Sie wenigstens getroffen", entgegnete der Landkammer-rath, sie unverwandt betrachtend, wobei seine Züge zugleich Staunen und Befriedigungverriethen.Haben Sie sich unsere Familienbilder schon angesehen?"

Ja, Herr Landkammerrath", antwortete Anna, deren sich plötzlich ein Gefühl vonAngst und Unruhe bemächtigte, das sie jedoch zu bekämpfen suchte.

Sie finden auf sämmtlichen eine stark hervortretende Familienähnlichkeit, das blondeHaar, die blauen Augen und die gebogene Nase sind von jeher Kennzeichen der vonBodenwald gewesen", fuhr mit merklicher Betonung der greise Edelmann fort.MeineEnkelin, die Veranlassung Ihres Hierseins, weicht allerdings davon ab» doch werden Siean anderen Frauen unserer Familie ebenfalls diese Kennzeichen finden."

Anna gerirth in immer größere Befangenheit; die Augen des Landkammerrath'Sruhten immer forschender auf ihr, seine Worte waren unverkennbar mit Bezug auf siegesprochen er hatte sie also erkannt, wenigstens die hervortretende Familienähnlichkeitbemerk^ sollte sie ihn das erste Wort sprechen lassen, oder

Da vernahm sie, leiser als bisher ihr Großvater zu ihr geredet, die Worte, dietief und unwiderstehlich sie trafen:

Die Tochter meines Sohnes Ludwig aber, Anna Thusnelda, ist, wie ich zu meinerFreude und mit Stolz gesehen, eine echte von Bodenwald, und sie ist mir, ihrem Groß-vater, von Herzen willkommen."

Anna kniete schon an seiner Seite, und segnend lagen seine Hände auf ihrem schönenHaupte, das sich unter Thränen der Rührung auf die Decke geneigt.

Er aber richtete es auf, um es unter den wechselndsten Gefühlen zu betrachten,und drückte einen Kuß auf die weiße Stirn, die ebenfalls ein Familienzeichen der vonBodenwald war.