Ausgabe 
(11.7.1883) 55
 
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zu träumen wähnte, und kaum begreifen konnte, daß ihr Geschick sich so plötzlich um»gestaltet.

Weiß Sophie Dörner, wer Du bist?" fragte der Landkammerrath nach momen-tanem Schweigen.

Nein, Großvater, sie weiß nur, daß ich Förster Kohring's Enkelin, Anna Herfeld,bin! "

Jetzt muß sie wissen, daß Du auch meine Enkelin, Anna Thusnelda von Boden-wald bist!" antwortete der Landkammerrath mit einem Blick voll väterlichem Stolz undväterlicher Freude, und fügte mit weicher Stimme hinzu:Die ich aber nur gefundenzu haben scheine, um sie schon wieder mit einem geliebten Gatten ziehen zu lasten. Dochwird das sobald noch nicht sein, Anna, und damit stimmt gewiß Dein Großvater Kohringmit mir überein, und wollen vorläufig nur an Deine Verlobung mit Graf Steinhorstdenken!"

XXIII.

Anna war von ihrem Großvater den Leuten der Haushaltung und des Gutes alsseine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald vorgestellt worden, und Alle hatten dieWeisung erhalten, in ihr die Herrin des Schlosses zu sehen. Niemand war froher überdies Ereigniß als Bergmann's, die ihr in herzlichen Worten Glück dazu wünschten, ihraber auch die Versicherung gaben, daß sie sie schon am ersten Tage ihrer Anwesenheiterkannt hätten. Anna mußte auch ihnen, den treuen Freunden ihrer Eltern und Groß»eitern, eingehend von ihrem bisherigen Leben in Vahrenwald berichten, und mit großemInteresse hörten sie ihr zu, und freuten sich über die Aussicht, ihren alten Freund sobald und gesund und wohlbehalten wieder zu sehen.

Sophie Dörner, welcher die näheren Familienverhältniste im Försterhause vonVahrenwald unbekannt geblieben, hatte diese von Anna, ehe ihr Großvater sie als seineEnkelin vorgestellt, voll Ueberraschung und Theilnahme vernommen. Auch sie hatte ihrGlück gewünscht, die ihr gebührende Stelle erlangt zu haben, und hatte scherzend hinzu-gefügt, daß man sie nun wohl bald als Gräfin Steinhorst begrüßen könne.

Thusnelda war sehr glücklich, in Anna jetzt eine Cousine zu haben, und als scher-zend ihr Großvater sagte, daß sie nun nicht mehr die einzige Erbin ihrer Großmuttersei, sondern alle vorhandene» Schätze derselben mit Anna zu theilen habe, erwiderte sieden Arm um diese schlingend, während sie sie zugleich voll zärtlicher Bewunderung be-trachtete:

Großpapa, es ist genug für uns Beide da, und Anna, die so gut und so schönist» soll vorn Allem daN Schönste und Beste haben!"

Für den greisen Schloßhrrrn war ein anderes, ein nie gekanntes Leben angegangen,und rückhaltlos gab er sich der Freude über den Besitz seiner schönen Enkelin hin, dieihm die aufmerksamste Pflegerin und liebste Gesellschafterin war, und wie er zu seinerGenugthuung erfuhr, mit eben so viel Liebe, wie Bewunderung betrachtet wurde.

Aber auch Anna war froher und heiterer, wie sie seit langer Zeit gewesen, dennalles Dunkel, was bisher ihr Leben getrübt, jedes Hinderniß, das ihrem Glück störendentgegen getreten, war plötzlich und unerwartet geschwunden, und allem menschlichen Er-messen nach mußte sich ihre Zukunft glücklich gestalten. Von ihrem Großvater und ihrerTante, denen sie alle Ereignisse eingehend geschrieben, war noch keine Antwort angelangt,doch beruhigte sie sich mit dem Gedanken, daß möglicherweise Ersterer auf die entscheidendeUnterredung mit der Gräfin Steinhorst zu warten haben, und sie erst nach dieser schreiben,oder gar selbst kommen würde.

Während dieser Zeit hatte Anna den Buchenhof besucht, begleitet von Sophie,Thusnelda und Bergmann's. Als sie ihre erste Heimath gesehen, wo jetzt ein fremderVerwalter wohnte, waren dem Andenken ihrer Eltern ihre Thränen geflossen, und Berg-mann's mußten ihr alle ihnen aus jenen Tagen erinnerlichen Ereignisse erzählen.

An einem andern Morgen hatte sie sich von ihnen in das Mausoleum, wie auch