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nach dem Friedhof des Dorfes führen lassen, und hatte die Särge ihrer Eltern und dasGrab ihrer Großmutter, das sie sorgsam erhalten und gehütet gefunden, mit Blumenreichlich geschmückt. Sie schloß sich Bergmann'S überhaupt mit warmer Zuneigung undDankbarkeit an, und diese brachten ihr die Liebe entgegen, welche sie für ihre so frühverstorbenen Eltern empfunden.
So war der neunte Tag nach Absenkung des Briefes herangekommen; gegen Mittagbefand sich Anna im Wohngemach, dessen Thüren bei der andauernden Septembersonneweit geöffnet standen; Sophie Dörner und Thusnelda waren mit den Unterrichtsstundenbeschäftigt, und ihr Großvater, welcher wiederum einige Schmerzenstage gehabt, warmit dem Verwalter in seinem Zimmer beschäftigt. Sie hatte schon eine Welle gedanken-voll in den Garten geblickt, dessen Bäume und Stäucher der Herbst leise zu färben be-gann, und endlich ihren Gedanken Worte gebend, sagte sie halblaut:
«Nur eine Stunde möchte ich im Försterhause bei meinem Großvater und meinerTante sein, möchte Christine und meinen treuen lieben Wolf sehen, die Alle sich freuenwürden, mich wieder in ihrer Mitte zu haben! Aber-- und hier lauschte sie auf-
merksam — «war das nicht ein Posthorn? — Jetzt höre ich «S deutlich — sollten —sollten sie es sein?" und hastig das Wohngemach verlassend, eilte sie in die Vorhalle,wo sie August traf, welcher sagte:
«Es ist eine Extrapost, gnädiges Fräulein, und wird entiveder hierher kommen, oderzum Herrn Verwalter fahren —* und lustig und kräftig stieß jetzt der Postillon in'SHorn, daß es weithin hörbar war.
«Nein, nein, sie kommt hierher!" rief jetzt Anna mit steigender Erregung. «Abersehen Sie, August, sie hält im Thor."
Wirklich hielt der Postwagen an dein Eingangsthor, ein großer, schwarzer Hundsprang zur Erde, und mit dem Ruf: «Wolf! — Wolf! hierher!" trat sie auf die Treppe,für den Augenblick Alles um sich her vergessend, denn ihr Großvater und ihre Tantemuhten in dem Wagen sein.
Jetzt hatte der Neufundländer, der die ihm wohlbekannte Stimme vernommen, sieerreicht und sprang mit lautem, freudigen Bellen an sie heran, bis seine Vorderpfotenauf ihren Schultern lagen, und er ihr voll Freude und Treue in die Augen blickt«,während sie seinen glänzenden schwarzen Kopf streichelte, und ihn mit den zärtlichstenNamen benannte.
Einen Moment hatte der Diener voll Rührung dieser Szene zugesehen, und wardann zu dem Landkammerrath geeilt, um ihm die Ankunft der Extrapost mitzutheilen.
Bei dieser Nachricht wechselte der Schloßherr die Farbe, und die Hand, welche dieFeder zur Unterschrift hielt, zitterte merklich. Doch währte dies nur eine Sekunde, dannsagte er zwar noch mit unsicherer Stimme zu dem Verwalter, welcher im Begriff war, sichzu entfernen:
«Bleiben Sie, Bergmann, damit auch Sie Kohring sehen und begrüßen können,denn ohne Zweifel wird er in dem Wagen sein!"
Unterdeß war die Extrapost angekommen, und Förster Kohring ausgestiegen. Annawar herzugeeilt und lag im nächsten Augenblick an ihres Großvaters Brust. Dieser drückteeinen Kuß auf die Stirn des geliebten Enkelkindes, und führte es darauf in die Vorhalle,wohin ihnen Frau Albrecht, die ebenfalls ausgestiegen, folgte.
«Großvater, mein lieber, theurer Großvater!" mehr vermochte Anna nicht zu sagen,blickte aber unter Thränen der Freude und Rührung in seine Augen, indeß er leise sagte:
»Der Herr hat Alles gut gemacht, mein Herzenskind —"
„Ja, Großvater das hat er!" entgegnete Anna und die folgenden Schritte ver-nehmend, entwand sie sich seinen Armen und flog ihrer Tante entgegen, die sie ebenfallstief bewegt an ihre Brust schloß, während Anna in der freudigen Aufregung ihres Herzensdas Gesicht der mütterlichen Freundin mit Küssen bedeckte. Im Begriff, sich mit ihnenin'S Wohngemach zu begeben, wandte sie das Haupt und stieß einen Laut der Ueber-