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raschung aus, denn Graf Steinhorst, dessen Züge die tiefste Bewegung verriethen, standvor ihr.
„Anna!" rief er schnell, näher tretend, und sie vermochte nur „Waldemar!" zuerwidern, dann hielten sie sich fest umschlangen; und unter Thränen blickten der Försterund seine Nichte auf das so glückliche jugendliche Paar. Graf Steinhorst ermannte sichzuerst und sagte mit einem Blick inniger Liebe auf das schön« Mädchen, das an seinerBrust lag:
»Anna, ich bin mit der Bewilligung Deines Großvaters und meiner Großmutterhier.-"
„Aber mein Großvater Bodenwald, Waldemar", entgegnete Anna schnell.
„So führe mich zu ihm, Geliebte, damit ich Dich endlich meine Braut nennenkann! —"
Der Landkammerrath blickte erwartungsvoll nach der Thür, versuchte vergeblich dieBewegung zu unterdrücken, die sich seiner bemächtigt. Es blieb ihm auch keine Zeit dazu,denn die Thür ward geöffnet, an der Hand ihres Geliebten trat Anna ein, und sagte,sich mit ihm dem Krankenstuhl nähernd:
„Großvater, hier bringe ich Dir Waldemar — Graf Steinhorst", fügte sie schnellund erröthend hinzu.
„Herr von Bodenwald", begann der junge Mann, voll Theilnahme auf den greisenkranken Schloßherrn blickend.
„Herr Graf", unterbrach ihn dieser mit unsicherer Stimme, „ich weiß Alles, habeAlles durch meine Enkelin erfahren, Ihr Hiersein beweist mir, daß Ihre Frau Groß-mutter -"
„Meine Großmutter heißt Anna als Enkelin gern willkommen."
„So bin ich auch damit einverstanden, daß sie die Ihre wird!" und Beider Händeineinander fügend, umschloß er sie mit festem, warmem Druck, während seine Lippen leiseSegensworte sprachen.
„Anna, jetzt meine Braut", rief in lebhafter Freude Graf Waldemar, umfaßte sienoch einmal und ihre Lippen begegneten sich zum ersten Verlobungskuß.
Jetzt ward nochmals die Thür geöffnet, und voll Spannung, die jeder Zug seinesgefurchten Gesichtes verrieth, blickte der Landkammerrath den Eintretenden, Förster Kohringund Frau Albrecht, begleitet von dem Verwalter, der hinausgegangen war sie zu begrüßen,entgegen. Einen Augenblick sah der Förster auf die einst so stolze Gestalt des Schloß-herrn von Bodenwald, der jetzt in Decken gehüllt im Krankenstuhle lag; einen Augen-blick sah dieser auf den stattlichen Mann, aus dessen Augen jedoch der jahrelange Kummersprach, dann reichten sich Beide stumm die Hände, und Jeder zerdrückte im Auge dieThräne, welche die Erinnerung an die Vergangenheit hervorgerufen.
Nicht minder bewegt ward Frau Albrecht von dem Landkammerrath begrüßt dersie zwar persönlich nicht kannte, ihr jedoch für das, was sie seiner Enkelin gewesen, diegrößte Dankbarkeit zollte. Während dieser Begrüßung aber trat Anna mit ihrem Ver-lobten zu ihrem Großvater Kohring, und ihn voll kindlicher Liebe umfassend, flüsterte sie:
„Habe Dank, Großvater für Alles, was Du für mich gethan!" worauf er Beidein seine Arme schloß, und mit kaum vernehmbarer Stimme sagte:
„Und mit Freuden habe ich es für Dich, mein Herzenskind, gethan l — Mögt Ihrnun glücklich seii^und werden, und der Herr mir noch einige Lebensjahre vergönnen,damit ich mich Eures Glückes freuen kann!"
„Und die wirst Du in unserer Mitte verleben, Großvater", rief lebhaft GrafWaldemar, „Du und die Tante, Ihr müßt fortan bei uns auf Steinhorst wohnen, dennohne Euch kann ich mir dort den Aufenthalt nicht denken!"
Jetzt sagte auch Frau Albrecht dem Brautpaar ihre Glückwünsche und darauf stellteAnna Bergmann ihren Verlobten vor. Auch dieser beglückwünschte sie in herzlicher Weiseund fügte mit unsicherer Stimme hinzu: