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„Dem Herrn sei Dank, gnädiges Fräulein, baß er mich und meine Frau diesenTag erleben ließ, denn wer außer Ihrer Familie könnte sich wohl mehr über Ihr Glückfreuen l"
Es trat eine ruhigere Stimmung ein, und eben wollte der Landkammerrath seinerEnkelin auftragen, Thusnelda , ihre Erzieherin und auch Frau Bergmann holen zu lassen,als diese eintraten.
Es wiederholten sich noch einmal die Vorstellungen, Begrüßungen und Glückwünsche,wobei ThuZnelda mit sichtlicher Genugthuung hörte, daß Graf Waldemar sie seine künftigeCousine nannte und sie aufforderte, später Anna in Steinhorst aufzusuchen.
Da nach aller Aufregung der greise Schloßherr der Ruhe bedürftig war, so ver-ließen ihn sämmtliche Anwesende, und während die Angekommenen ihre Zimmer auf-suchten, begaben sich die Schloßbewohner in den Wohnsaal, wo Jene sich bald wiederbei ihnen einfanden. Beim Mittagsessen, an den« auch Bergmann's Lheilnahmen, fandsich auch der Landkammerrath wieder ein; dies verlief in möglichst heiterer Stimmung,denn die früheren Erinnerungen wurden fern gehalten, und Graf Waldemar ließ sich dieUnterhaltung der beiden Großvater besonders angelegen sein.
(Schluß folgt.)
Goldkörner.
Der Mensch weint oft im Schlaf; wenn er erwacht, weiß er kaum» daß er Thränen hatteDafür halte das Leben. Im zweiten weißt Du nicht mehr, daß Du im ersten geweint.
Jea» Paul.
Gott ist das Licht, das selber nie gesehen, alles sichtbar macht und sich in Farben verkleidet.Nicht Dein Auge empfindet den Strahl, aber Dein Herz dessen Wärme. Jean Paul -
Das ist ein süßer Trost dem Menschenfreunde,
Daß alles, was nur lange wo bestanden,
Und sei's der Tod, — vom menschliche» GefühlStets wiederholt gefaßt und stets gemildert,
Sein nnhsitfchweres längst verloren, wenigBedeutet, ja oft schön und menschlich ist,
Geschmückt mit jenen jegenjchweren Blumen,
Die treu in Gott aus alle Tage streut.
Leopold Scheser.
Begegne jedem Bösen zart und sanft!
Begegn' ihm hilfreich, denn du kannst kaum denken,
Welch' schmählich Sein er trägt, wie viel er KraftVerschwendet, um sich ausrecht in der FülleDer Edleren zu hallen.
Leopold Scheser.
Hätte die Kahe Flügel, kein Sperling wäre in der Luft mehr: Hätte, was jeder wünscht, Jeder,wer hätte noch was? Herder.
Echterrrach und die Spriirgprocessiorr.
(Schluß.)
Ueber den historischen Hintergrund der Echternacher Springprocession ist viel ge-schrieben worden; geschichtlich Verbürgtes liegt nicht vor. Die Forschungen sind zu denseltsamsten, manchmal geradezu abgeschmackten Erklärungsversuchen gekommen. Der 1755gestorbene Historiker Bertholet erzählt in seiner Geschichte des Großherzogthums, baldnach St. Willibrordns Tod sei, der Legende nach, eine Viehseuche ausgebrochen, die sichin ganz tollen Springen und Capriolen geäußert habe. Zur Abwehr des Uebels habeman gelobt, tanzend und springend zum Willibrordus-Grab zu wallfahrten. Der geschichts-kundige Pros. Marx sieht die Erscheinung in seiner Geschichte des Erzstists Trier alsein Echo des 1349 aufgetauchten Flagellantenthums an. Der Tanz ist indeß schon vorden Flagellanten nachweisbar. Anderseits ist der Tanz ein lustiger Dreisprung, derden Gedanken an Büßersinn nicht aufkommen läßt. Servatius Ottler, ein Chronist der