Ausgabe 
(11.7.1883) 55
 
Einzelbild herunterladen

46 «

Abtei Prüm hebt 1623 die Möglichkeit hervor, daß es sich um das Ueberbleibsel einesheidnischen Brauches handele. Professor Krier, früher NeligionSlehrer in Echternach , jetztRegens des Convicts in Luxemburg, schließt sich dieser Ansicht in seiner 1871 erschienenenAbhandlung überdie Springprocession" an. Geschichtlich steht fest, daß der Tanz alsAusdruck der Freude wie des Dankes einen Theil des heidnischen Gottesdienstes bildete.Tief eingewurzelte Bräuche vermochte auch das Christenthum nicht zu verdrängen. Darumbegnügte man sich, ihnen einen christlichen Gedanken unterzuschieben. Etwas der Echter«nach» Procession Aehnliches berichtet Montalembert in den Mönchen des Abendlandes.Der h. Aldhelmus, der Begründer des Klosters Malmesbury , ein Zeitgenosse des heil.Willibrordus, wurde bei der Rückkehr von seinen Missionsreisen unter den rhytmischenTänzen der zusammengeströmten Bevölkerung in Empfang genommen. Ganz so mag esin Echternach gehalten worden sein, wenn Willibrord von seinen vielen Bekehrungsreisenzum Pfingstfest in die Mauern der von ihm in's Leben gerufenen Abtei wieder einzog.Die Tänze, welche man bei seinen Lebzeiten zu seinem Empfange veranstaltete, hat mannach seinem Tode zu seinem Grabe als Ausdruck freudiger Verehrung fortgesetzt. Inder Volks-Tradition findet diese Combination eine Unterstützung nur in so weit, als nachihr das Entstehen der Procession jedenfalls in das Zeitalter Willibrord's zurückreicht.Im Uebrigrn habe ich bei meinen Nachfragen in den verschiedensten Bevölkerungskreisen

so weit sie sich überhaupt unterrichtet zeigten meist den Bescheid bekommen, dieSpringprocession gelte als Bittgang gegen den Veitstanz oder gegen die Epilepsie. Alssolcher sei er eingeführt worden zur Zeit der Veitstanz-Epidemie. Neuestens spricht sichauch Professor Marx für diese Lesart aus. Aber auch hier ist zu antworten: die Pro«crssion existirte schon vor der Veitstanz-Epidemie, die allerdings in der Mitte des 14.Jahrhunderts in Luxemburg und dessen weitester Umgebung geherrscht hat. Und dann

es liegt etwas geradezu Ungereimtes in dem Gedanken, man habe ein Uebel ab-wehren wollen durch Nachahmung der Zuckungen und Bewegungen der unglücklichenKranken. Da klingt ungleich poetischer eine andere Version. Danach wäreder langeVeit" der Schöpfer der Procession. Er lebte zu Willibrordus Zeit. Von einer Wall»fahrt in's gelobte Land kehrte er nach langer Gefangenschaft bei den Mohammedanernohne feine inzwischen gestorbene Gattin zurück. Die Güter des Todtgeglaubten warenvon den Verwandten vertheilt worden. Um deren Herausgabe abzuwehren, wurde Veitbeschuldigt, seine Gattin ermordet zu haben. Das Gottesgericht entschied gegen ihn.Veit sollte am Galgen sterben. Als letzte Gnade bat er sich aus, seine aus dem Morgen-lande mitgebrachte Geige spielen zu dürfen. Veit spielte und spielte. Die Volksmengewurde durch die Töne wie bezaubert. Mit einem Schlage sing Alles an zu tanzen Großund Klein, Männer und Frauen, Richter und Henker, und schließlich gar Ochs und Pferd,Katz und Hund. Nichts vermochte sich dem Zauber zu entziehen. Der Spielmann ver-schwand. Der Tanz dauerte fort, insbesondere bei den habgierigen Verwandten Veit's.Willibrord brach den Zauber. Die von dem Uebel Befreiten erblickten in dem Vorgangeinen Hähern Fingerzeig für den ungerechten Nichterspruch. Als Sühne wurde die Spring-procession eingeführt. Natürlich, diese Sage ist Dichtung. Als innerlich und geschichtlichberechtigte Erklärung erübrigt eigentlich nur die Annahme, daß die Springprozession ihremKern nach ein in ein christliches Gewand eingekleideter heidnischer Brauch ist. WennHerr Professor Krier sich auf diesen Boden stellt und dabei doch für die Procession be-geistert, so läßt sich das wohl nur voin Gesichtspunkt eines nicht ganz unbefangenenLocal-Patrkotismus erklären. Nicht als ob allen Bräuchen der Garaus gemacht werdensoll, deren Wurzeln in die Zeit des Heidenthums zurückreichen. So wird sich gewißNiemand an der anmuthigen Christbaum-Feier stoßen, obwohl die heidnische Jul-Feier beiihr Pathenstelle vertreten hat. Der Echternach » Springprocession läßt sich etwas Sinnigesoder äußerlich Schönes beim besten Willen nicht abgewinnen,

Interessant ist, daß die in Echternach jetzt noch bestehende Springprocession bisvor stark hundert Jahren auch in der gleichalterigen Abtristadt Vrüm in der Eifel genau