Ausgabe 
(11.7.1883) 55
 
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in derselben Art und Weise stattgefunden hat. Durch Decret des letzten Trierer Kur-fürsten Clemens Wenzeslaus und durch Verordnung des Weihbischofs von Hontheim vomJahre 1777 wurde für Prüm wie für Echternach das bei den Processionen üblicheTanzen und Springen" alsunschicklich" verboten. Gleichwohl hat Echternach die Spring«procession 1802 wieder aufgenommen. In Prüm hingegen hat sich nur noch eine Bitt«procession erhalten. Der echte Frommsinn würde keine Einbuße erlitten haben, wennman in Echternach dem Prümer Beispiele gefolgt wäre. Zweifellos würde sich die jetzigeGestalt der Procession ganz von selbst verlieren, wenn ihr geschichtlicher Hintergrundgenügend bekannt wäre.

Theorie und Praxis.

Was Unsinn!", sagt zum Hans der Veit,

Noch nach dem Tode fort zu leben?!

Ha, dazu bin ich längst schon zu gescheidt,

Aus solche Thollheit noch etwas zu geben!

Ei, hin ist hin, gerade wie beim Thier,

Und drum, je bälder, um so lieber mir!"

Piff, paff! kracht da des Jägers Schuß,

Die Kugel hatte säst des Veiten Kopf errathen,

Und Veit, voll Schrecken darüber und Verdruß,

Läuft zu verklagen ihn, zum Advokaten!

C. Halb eck.

Mtseellen.

(Eine Stunde mit einer Todten.) Im PariserFigaro" berichtet ein Mit-arbeiter Jgnotus, hinter welchem Pseudonym sich ein Baron Patel verbirgt, unter demspannenden Titel:Eine Stunde mit einer Todten" über einen nur wenig bekanntenFrauenorden, diebarfüssigen Klarissinnen", denen er eine unbegrenzte Bewunderungwidmet. Diese Klarissen haben im Jnvalidenviertel ein Kloster, das nur 18 Nonnenund einige Laienschwestern für ihre Bedienung zählt. Vierzehn der Nonnen sind unterdreiundzwanzig Jahre alt; denn die Regel ist so streng, daß die meisten Bewohnerinnendes Hauses jung sterben. Sie tragen ein rauhes Wollkleid mit einem Strick als Gürtel,gehen das ganze Jahr barfuß auf kalten Steinböden, wärmen sich niemals an einemFeuer, da sogar der Küchenherd außerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs liegt, essennur einmal des Jahres, am Weihnachtstage, Fleisch und sonst nur eine geringe Gemüse-suppe, schlafen auf einem Brett, das einen Meter im Geviert hat und ein Ausstreckender Glieder nicht gestattet, unterbrechen ihre sechsstündige Nachtruhe durch zweistündigesGebet, knieen zehn Stunden des Tags in der Kapelle, leben von Almosen und demErtrag ihrer Arbeit, die sie neben den religiösen Uebungen verrichten, dürfen unter sichnur die unerläßlichsten Worte sprechen und gewöhnen sich auch diese oft dermaßen ab,daß die Äbtissin dem sie durch einen eisernen undurchsichtigen Schieber in der Wandinterviewenden Jgnotus versicherte, mehr als eine ihrer Nonnen wäre heute nicht mehrim Stande, einen Satz zu bilden. Die Insassen des Klarissenklosters gehören größten-thrilS vornehmen Geschlechtern an. Sie dürfen mit der Außenwelt gar nicht mehr ver-kehren und sich ihren Eltern nur einmal im Jahre durch das Gitter der Kapelle ausder Ferne zeigen. Wenn eine der Nonnen stirbt, so wird sie von ihren Genossinnenin den Sarg gebettet und dieser auf die Grenze der Klausur gestellt, wo die Behördendie Todtenschau im leeren Zimmer vornehmen können.

(Zur Erinnerung an Theodor Körner .) Vor 70 Jahren, nämlich am18. Juni 1813, wurde bekanntlich Theodor Körner zu Kitzen schwer verwundet. Dieden am Boden Liegenden zuerst auffand und zur Rettung des Dichters die geeignetenSchritte that, war ein lOjähriges Mädchen. Die Helferin in Todesnöthen lebt heutenoch als 80jährige Frau in Grvßzschocher bei Leipzig , und zwar in kümmerlichen Ver-