Ausgabe 
(14.7.1883) 56
 
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Niemand erfuhr je, was sie gesprochen. Als aber endlich Anna voll Sorge um ihrebeiden Großvater leise das Zimmer betrat, in dem schon Dämmerung herrschte, sah sie,daß beide Männer sich die Hände gereicht und Thränen über ihre Wangen Herabflossen.Einen Moment stand sie schweigend und tiefbewegt vor ihnen, dann neigte sie sich aufdiese Hände herab, berührte sie mit ihren Lippen, küßte dann die Thränen von denWangen ihrer Groszväter, und sagte nur ihnen vernehmbar:

So hat's kommen müssen!" Ihr seid versöhnt ich habe meinen Namenwieder, und segnend sehen meine Eltern vom Himmel auf uns herab!"

Der Landkammerrath faßte die Hand seines ehemaligen Försters noch fester undjagte leise und mit tiefer Bewegung:

Haben Sie Dank, Kohring, das; Sie mir diesen Engel erzogen! Sie wird derTrost, die Freude und der Stolz meiner letzten Tage sein!"

XXIV.

Länger als ein Jahr ist vergangen, und in Schloß Bodcnwald bereitete man sichzu einer Doppelhcchzeit vor. Das eine Brautpaar ist des Schloßherrn noch schöner er-blühte Enkelkind, und Waldemar Graf von Stsinhorst, das zweite der Lieutenant vonBodenwald und Constanze von Stern.

Der junge Majoratserbe hat seinen Abschied nehmen müssen, um sich in der Be-wirthschastung seiner Güter hineinzuarbeiten, auf Anna's Verwendung hat der Land-kammcrrath seine Verlobung mit Constanze von Stern zugegeben, die seitdem verschiedent-lich auf Bodenwald gewesen, und sich die Liebe des greisen Gutsherrn und seiner Enkelincrworkem

Zu der Feier sind bereits verschiedene Gäste angekommen; zuerst die beiden jungenMänner, deren Bräute in Bodenwald sind, die Gräfin Stsinhorst, welche Anna, die einigeMale in Vahrenwalir gewesen, schon als Enkelin begrüßt; Fratz von Stern, die Annamit besonderer Zuvorkommenheit behandelt, denn sie weiß, wie mächtig sie für ihre Tochtergewirkt, Förster Kohring, seine Nichts und Christine, und Sophie Dörner und Thusnelda ,welche ihre Fericnreise zur Hochzeit verschoben. ,

Der Festtag war herangekommen, die Trauung sollte in dem großen Saal desSchlosses vollzogen werden, und dieser ist reichlich mit Grün und Blumen geschmückt.An der einen Seite war ein Altar errichtet worden und vor diesem stand der Geistlichedes Dorfes, welcher die feierliche Handlung vollziehen sollte und im Kreise wartetenDiejenigen, welche der feierlichen Handlung beiwohnen wollten und voll Spannung nachder Thür blickten, durch die die Brautpaars erscheinen mußten. Endlich wurden dieFlüge! geöffnet, man hatte wohl. selten zwei schönere Paare an den Altar treten sehen,und der Landkammerrath konnte sich voll Genugthuung sagen, daß kau n, eine edlere Er-scheinung als die seiner Enkelin den kränklichen Kranz und Schleier getragen.

, Die Trauung war vollzogen, und als Mann und Weib nahmen der Graf und die^räsin Steinhorst, neben Herr und Frau von Bodenwald Aller Glückwünsche entgegen,tiinergnffen von der feierlichen Handlung und dem wichtigen Lebensschritt, den sie soebengethan.

Dann folgte das Hochzeitsmahl die Abreise nach verschiedenen RichtungenGraf Steinhorst will seine Gemahlin nach mehreren großen Siadtsn führen, deren Genüsseihr noch neu sind, Herr von Vodenwald dagegen die Seinigs nach Schlesien , um derenihm noch unbekannte Geschwister zu besuchen»

Nach einigen Wochen kehrts das. letztere Paar von der Hochzeitsreise zurück, nacheinigen Monaten das erste, das ebenfalls sich zuerst nach Bodenwald begab, denn Am 'sehnte sich ihren kranken Großvater zu begrüßen.

Eine Veränderung, im Laufe des Jahres vorbereitet, war nnterdeß mit demAufenthalt verschiedener in diesen Blättern genannter Personen vorgegangen.

Förster Kohring hatte seinen Abschied genommen, um mit seiner Nichts, Ehrisiinsund Wolf nach Steinhorst zu ziehen, denn Anna konnte sich nicht entschließen flich von