Empfindsame Briefe aus Brückenau .
Von Karl Felix.
4. Brief.
Der schrille Klang einer Glocke weckt mich ans meinen Träumen, — es ist Mittagszeit, dieschrecklichste Stunde des Tages! Ich kann inir nichts Abgeschmackteres und Zuwidereres denken,als eine rndls ck'kwte! Meine Seele dürstet nach Freiheit, ich möchte einige Wochen so ganz in stillerNahe genießen, losgelöst von allen Fesseln, die das Leben dem Menschen nur zu ost aufbürdet undhasse den Zwang, den eine dumme Mode mir auferlegt, nicht essen zu dürfen, wann es mich freutund was mich freut, ja nicht einmal mich hinsetzen zu dürfen, wo es mich freut, sondern just da,wo es dem Kellner beliebt hat, meine Serviette hinzulegen!
Eine unheimliche Stille herrscht, ein Curgast nach dem andern kommt, sagt kurz „Mahlzeit"zu feineni Nachbar und jetzt sich nieder. Die Speisen neiden aufgetragen. Statt dem Flüstern derBlätter und dem Gesang der Vogel, der mich vor wenigen Alinuten noch entzückte, höre ich jetzt nurdas Klappern der Teller, das Klirren der Gläser und das Geräusch von Messern und Gabel». Essind erst sehr wenige Curgäste hier, wir sitzen zu 13 an der Tafel! Ich habe nur links einen Nachbar,rechts sind leere Stühle. Bin ich nun der erste oder der dreizehnte? Schreckliche Frage für einennervösen Menschen! Mein Nachbar ist eine unzugängliche Natur; er spricht fast nichts nnd wenn eretwas sagt, ist es stets irgend eine beißende Bemerkung. Er ist der personificirte Sarkasmus! Ob-gleich er in keiner guten Haut zu stecken scheint, so liest er doch in allen Blättern zuerst die Todes-anzeigen, um zu erfahren, ob nicht Einer gestorben ist, dessen Tod ihm Aussicht auf Beförderungbietet. — Mißtrauisch blickt Eines auf das Andere und hie und da flüstert Einer dem Nachbar etwaszu, denn^laut zu reden getraut er sich in dem kleinen Saale nicht, er erschrickt vor dem Ton seinereigenen L-timme nnd will nicht, daß der ganze Tisch weist, was er gesagt hat. Der joviale Doctorgibt sich alle Mühe, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, aber es gelingt ihm nicht, man kenntsich ja nur dein Namen nach und bis man sich endlich genauer kennen lernen würde, müssen dieMeisten schon wieder fort und machen Andern Platz, die Dich wieder nicht kennen und mit mißtrauischenBlicken betrachten. Da fährt endlich nm halb 2 Uhr der Postomnibus vorbei. O sei mir gegrüßt,du Netlnngsengel, — vielgeliebter Dons ox maobiua! Man bekommt Zeitungen und Briefe, fliegtsie hastig durch, nnd ist aus Augenblicke sich selbst wiedergegeben. Wenn die Krachmandeln nnd ante«diluvianischen Rosinen verzehrt sind, geht der Kellner mit einem Teller unheimlich von Gast zu Gast,die Markstücke klirren und rufen Dir freudig zu: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, derMohr kaun gehend
Doppelt schon isl's Nachmittag, wenn die schreckliche Stunde der tabks cl'llote überstanden ist,im Walde. Ich gehe auf mein Lieblingsptätzchen und ruhe aus. Horch! Was tönt da auf einmalzu mir herüber? Was sind das für Laute? Ein leises Flüstern und Zwitschern, dann ein mächtigesBrausen, — inzwischen langgezogene weiche Töne, wie von eiuer menschlichen Stimme!? — Ich näheremich dem Orte, von wo die Töne kommen, — es ist die Cureapelle, welche morgen zum erstenmalspielen wird und eben eine Probe hält. Ich lausche, — es ist eine jchwermüthige Weise, die sie geradespielt und «nein Herz eriüllt ein unendliches Heimweh.
Unter allen schönen Künsten ist die Musik die älteste und treueste Gefährtin im menschlichenLeben. Schon im Paradiese werden sich die ersten Menschen am Gesänge der Vogel erfreut haben. DerSäugling, dessen Bewußtsein noch kaum erwacht ist, wird durch ein leises Lied feiner Mutter in sanftenSchlaf gewiegt und dem müden Greise, der diese Welt verlassen hat, rufen ernste Orgelklänge noch denletzten Abschiedsgruß nach; bei den Tönen der Musik hüpfen glückliche Paare durch den erleuchtetenSaal und bei den Tönen der Musik stürmt der junge Krieger begeistert in die Schlacht! Hymnenertönen zum Lob und Preis des Unendlichen, die Cherubim singen ihr „heilig, heilig," und die Po-saunen wecken die stillen Schläser zum jüngsten Gericht!
Die Musik vermag Freude und Trauer, Sehnsucht und himmlischen Frieden zu schildern, sievermag ein krankes Gemüth zu besänftigen und eine zagende Seele anzufeuern, nur ein unedlesGefühl wachzurufen, vermag sie nicht. Sie ist darum auch die keuscheste der schönen Künste!
Hanslick jagt in einem Feuilleton der Neuen freien Presse:
muß es doch gerade Dichter und Schriftsteller, welche ihr Leben der inhaltreichsten
„Kunst, der Kunst des Wortes und Gedankens, gewidmet, tief verstimmen, wenn sie allenthalben
„die Bevorzugung der Musik, dieser Kunst der schönen I »Haltlosigkeit zu erfahre» haben."
Dieser Ausspruch des berühmten Musikkritikers hat mich, als ich ihn seinerzeit las, frappirt.Gerade diese sogenannte „schöne Jnhaltlosigkeit" ist es ja eben, was der Musik alle Herzen öffnet!Die Werke der Plastik können mich durch ihre Formenschönheit entzücken, aber ich muß eben einenSinn sür Formcnschönheit haben; die Farbenpracht der Malerei und die Bilder, die sie hervorzaubert,können mich begeistern und zu Thränen rühren, — die Werke der Poesie können meinen Geist er-heben und meine Seele erschüttern, aber es sind ganz bestimmte Gefühle und Empfindungen, welchediese beiden Künste hervorrufen und ich muß ^ine» gewissen Grad von Empfänglichkeit haben, umgerade in diesen, künstlich wachgerufenen Gefühlen schwelgen zu können. Die Musik dagegen isteine Sprache, die Jeder versteht, dessen Gefühlsleben nicht völlig erstürben ist, auch wenn er nichtmusikalisch gebildet ist, — sie läßt der Fantasie den sreiesten Spielraum und ist eine Jakobsleiter,