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die vorn schmutz der Erde in die himmlischen Gefilde führt. Wo der Pinsel des Malers unddie Feder des Dichters zu schwach und zu arm sind, den Gefühlen, die das Men-schcnherz bewegen, Ausdruck zu verleihen, da thut es noch eine sanfte Melodie,ein einziger sterbender Accord!
Sage ich vielleicht zu viel? O dann nimm es mir nicht übel, geneigter Leser, — dann sindnur meine Nerven daran schuld! Ich wollte keinen übcrjchwänglichen Panegyrikns schreiben, abereS empört sich mein Inneres und meine Ueberzeuaung, wenn man mir eine Inseriorität der Musik,den anderen Künsten gegenüber, einreden will^ Es ist viel leichter, ein schönes Gedicht zn machen,als ein schönes Lied zn componiren, und was der Komponist hervorbringt, das schöpft er aus seinemeigenen Innern, während dein Dichter das menschliche Leben Stoss in Hülle und Fülle bietet.
„Greift nur hinein in's volle Menschenleben,„Und wo ihr's packt, da ist es int'ressant!"
5. Brief.
Soeben bringr mir der Postbote eine Einladung von Paul Heinzs in Dresden zum Abonne-ment auf das „Teutsche Dicbterhcim". Wie eine Todinnde lasten meine gestrigen Erpectorationen aufmeiner Seele! Was wird Paul Heinzs dazu sagen? Wird er mich in Zukunft nicht für einenTnnnnkopf oder exaltirten Schwärmer halten? Werde ich in seiner Achtung nicht meilentief gesunkensein? — Doch ich tröste mich, Paul Heinze wird diese Briese schwerlich zn lesen bekommen und dieAndern, welche vielleicht mitleidig über meine Anschauungen lächeln, wissen ja gar nicht, iver der„Carl Felix" eigentlich ist.
Es kommt in der Welt unendlich viel darauf-an, wer etwas sagt oder thut. Sagt's z. B.der A., so hält man es snr ein geistreiches Lvmgn, sagt's aber der B., so schwört Jeder darani, essei eine Flachheit. Auch Paul Heinze macht's in seinem Dichterhenn nicht besser und nimmt manchesziemlich werthlose Gedicht auf, wenn nur ein berühmter Name darunter steht, während er dasselbeGedicht mit einer bethenden Kritik zurückweisen winde, wenn der Autor unbekannt ist. So war'sübrigens in der Welt immer, und so wird» immer bleiben! Schon dcr Lateiner sagt: „81 clnokaeinni iäem, nvn est iüenr" und „Unoäliovi lovi, nonlioetbovi." Die Philosophen habendas Privilegium, das Dümmste zn beweisen und die Gebildeten haben das Pri-vilegium, ungebildet zn sein!
Doch zurück zn meinem lieben Brückcnan! — Ich wandle einsam am User dcr Sinn undpflücke Vergißmeinnicht und Maßliebchen .
Die Töne sind verklungen, aber das Heimweh, das sie heroorgcrnscn, ist geblieben! Jst's anchnoch so schön hier, so fühle ich mich doch verlassen. Schon im Paradiese sprach Gott der .Herr znAdam: „Es ist nicht gut, daß dcr Mensch allein sei, ich will dir eine Geflihrlin geben" und schuf dieEva. Für mich braucht nicht einmal eine Eva erst geschaffen zn werden, ich Habs ja schon längsteine, — nur das; sie nicht hier ist, sondern viele Meilen von mir entfernt in meinem stillen kleinenHäuschen in Sie muß kommen, dann erst kann ich die Schönheit dieser Wälder, die Reinheitdieser Luft voll und ganz genießen, — dann werde ich jauchzen und jubeln und keine trüben undempfindsamen Gedanken werden mich mehr besclüeichen! Finit 're hinaus, kleines Blätichsn, und rufesie an meine Seite! Ich lege dem Briese die Vergißmeinnicht vom User der Sinn bei und zerpflückedie Maßliebchen, die ich vorhin gesammelt. „Sw kommt" — „sie kommt nicht" — „kommt" — „kommtnicht."-beim letzten Blättchen heißt es: „sie kommt" und jubelnd kehre ich heim! —
6. Brief.
Die Physiognomie des Badeorts hat sich in den letzten Tagen mrsenilich verändert: es sind nunmehr Gäste da, die tadlo ü'IuUo findet in Folge dessen in den prächtigen Räumen des imposantenCnrsaales statt und wer nicht daran thsilnehmen will kann jederzeit ä, In, vnrto, speisen, die Cnr-capcile spielt 3 mal täglich, es wird mnsicirt, gekegelt, tarroclt und getanzt, es werden Ausflüge ge-mach-, — ein heitereres Leben hat begonnen! Trotzdem kann derjenige, der die Stille und Einsamkeitsucht, stundenlang in den prächtigen Wäldcrn spazieren gehen, ohne gestört zn werden. Ich suhlebereits die gute Wirkung des rtahlwnsssrs und der vorzüglich eingerichteten Stahlbäder, maz auchdcr Dortor in * über das Brückenancr Wasser spötteln, wie er will. Doch, geneigter Leser, Du weißtja noch nichts vom Doctor in und ich muß Dir deshalb eine kleine Episode erzählen.
Es war auf der Fahrt von Jossa nach Brücken»!:. Ich ließ den Kutscher in Zeilloss halten,um ein Glas Bier zn trinken, denn ich war von der langen Fahrt an einem heißen Tage durstiggeworden. Mein Kutscher war ein gesprächiger Mann, mit dem ich mich unterwegs vortrefflich unter-hielt. In Zeilloss nun saß ein Herr an unserm Tisch und das Gespräch kam natürlich auch ausBrnckenan. Der Herr äußerte sich sehr geringschätzend über die Wirksamkeit der dortigen Stahlgnelleund meinte, Brnckenan sei ein recht schöner Aufenthalt snr Gesunde, jedoch keineswegs ein Bad snrwirklich .Kranke, da die dortige Quelle zn schwach sci, um irgend eine Wirkung zn erzielen. Nun wares wirklich interessant, zn hören, mit welchem Feuereifer mein Kutscher das Ärückenaner Wasser inSchutz nahm und wie cr die Argumente des fremden hü-rrn zn widerlegen suchte. Wenn er seineGegenargumente vorgebracht hatte, kam als Schlnßbombe stets der Refrain: „König Ludwig I. hatgesagt: „in meinem Königreich gibt es nur ein Bad, und das heißt Brnckenan", woraus der fremdeHcrr regelmäßig erwiderte: „König Ludwig Hai von Bädern nichts verstanden!"