Ausgabe 
(18.7.1883) 57
 
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Nr. 57.

1883,

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Äilgslmrger PostMnng."

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Mittwoch, 18. Juli

Ein Jahr Uogenieben.

Von Georg Numüller.

Ach, ich bin des Treibens müde!

Was soll all' der Schmerz und Lust?

Süßer Friede,

Komm', ach komm' in meine Brust!"

Die Abendsonne sandte ihre noch immer glühenden Strahlen auf den menschenleeren,'baumlosen Marktplatz der mitteldeutschen Stadt G. ...» als sich an einem Fenster desEckhauses das Gesicht eines Mannes blicken ließ» der ungeduldig Jemanden zu erwartenschien. Man hätte dieses Gesicht nämlich schön nennen müssen, wenn nicht ein beständigesZucken der Mundwinkel und stetes Aufflackern der Augen Zeugniß gegeben hätten voneinem unruhigen, friedlosen Geiste, der den ganzen Menschen beherrschte. Darum konnteman auch den Pros. Paul Graf wohl für vierzigjährig halten, obwohl er erst in dem Jahrestand, das man in der Negel als Beginn des Mannesalters bezeichnet. Dasgescheiteltelange Herabwallende Haar und ein etwas struppiger, blonder Bart, in dem sich bereitseinige graue Sprößlinge zeigten, gaben Zeugniß, wie wenig deren Eigenthümer bemühtwar, die Leute im Betreff seines Alters auf anders Ansichten zu bringen. Was lag ihman der Meinung der Welt. Für ihn war die Welt todt, soweit sie nicht seine Elsaund sein Kind umfaßte. Für diese nur lebte er, ihnen gehörte seine ganze Liebe, allsein Sinnen und Trachten. Und doch brannte noch ein anderes Feuer in der Brust desMannes ein heißes Sehnen nach Ruhe und Friede. Doppelt empfand er diese Quak,wenn seine Lieben fern von ihn, weilten, um in milderer und reinerer Luft Erholung zusuchen. Auch heute erschien ihn, die Welt doppelt öde, sein Dasein fried- und freud-loser als je. Jetzt verließ er das Fenster und begann hastigen Schrittes in dem Zimmerauf und ab zu wandeln. Dieses, ein großes Helles Gemach, zeigte auf den ersten Blickseine Bestimmung. In der Mitte stand ein großer, eichener Schreibtisch, die Wändebedeckten Bücher und Kupferstiche, welche Begebenheiten aus der Geschichte oder Illustra-tionen zu deutschen Klassikern darstellten. Die Ecken zierten die Büsten unserer Geistes-herocn. Neben einer halbvollendeten Arbeit lag auf dem Schreibtische Goethe's Faustaufgeschlagen. Draußen läutete die Abendglocke und lud zum Gruße der Jungfrau ein,in der das Wort Fleisch geworden. Paul nahm das Buch zur Hand und murmelteFaust's Worte vor sich hin:

Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir sehlt der Glaube,

Das Wunder ist des Glaubens liebstes KindZu jener Sphäre wag' ich nicht zu streben,

Woher die holde Nachricht tönt.

Und doch, an diesen Klang von Jugend aus gewöhnt,

Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.

Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß Aus mich herab in ernster Sabbathstille,

Da klang so ahnungsvoll des Glockcntones Fülle.

Und ein Gebet war brünstiger Genuß.

*) Nachdruck ohne Erlaubniß verboten.