Ausgabe 
(18.7.1883) 57
 
Einzelbild herunterladen

45b

Da meldete sich statt des sehnlichst erwarteten Briefboten ein Mann, der nachsorgfältiger Erkundigung, ob er an die richtige Adresse gelangt sei, einen wohlversiegeltenBrief übergab, mit der Bitte, dessen Einhändigung zu bescheinigen.

Hastig erbrach Paul das Schreiben, und nachdem er einen Blick in dasselbegeworfen, händigte er die Bestätigung dem Ueberbringer ein. Dieser, ein süßlächelnder,älterer Mann mit grünlich schillernden Augen, die stets spähend umher schweiften, ent-fernte sich mit tiefen Bücklingen und fast vertraulichem Blinzeln, indem er baldigesWiedersehen wünschte. Paul schloß die Thüre ab, um ungestört seinen Gedanken undEmpfindungen sich hingeben zu können. Das Schreiben enthielt nämlich die Auf-nahmsurkunde in den Bund der Freimaurer und zwar in die LogeZur Verbrüderung",die seit langer Zeit in der Stadt ihre Thätigkeit entfaltet hatte und in maurerischenpreisen in hohem Ansehen stand. Schon vor einigen Wochen hatte Paul um Aufnahmein den Orden nachgesucht; er wollte dort den Frieden finden, den er mit dem Glaubenverloren hatte. Jetzt war der erste Schritt in jene unbekannte Welt gethan, die durchBruderliebe und echte Humanität beseligen sollte. Und doch wogte es in der Brustdes Mannes, wie wenn der eisige Föhn über die Wasser des Sees dahin wirbelt, alser jetzt den Schlüsse! zur Thüre der ersehnten Wahrheit und Bruderliebe in Händen hielt.Er dachte an die Zeit, wo seine liebe, gute Mutter ihm die Hände gefaltet und betengelehrt hatte, an die Freudenthränen, die sie vergoß, als er zum ersten Male dem Tischedes Herrn sich nähern durfte, an ihre Segensworte, die den jungen Studenten bei seinemAbschiede aus dem Vaterhause begleiteten, an den liebevollen Kuß» der ihn beglückte, wenner am Schlüsse des Jahres ihr das Zeichen seines Fleißes und guten Betragens zeigenkonnte, an das Leid, das er ihr verursacht, als er eines Abends, den Lieblingsplan derMutter ihren geliebten Paul einst am Altare Gott das unschuldige Opfer darzubringen,jählings vernichtete an die Zeit seiner eigenen Ruhe und des Herzensfriedens, dermir diesem jähen Schritte ihn verließ. Hatte er unrecht gethan, als er das Kleid desheiligen Venediktus ablegte, ehe die Hand des Oberhirten ihn für immer aus der Weltausschied? Er glaubte recht zu handeln, indem er die Lehre der Kirche mit der Weisheitder Welt nicht vereinbaren konnte. Und doch war ein stilles Sehnen nach der einsamenKlosterzelle ihm geblieben, mitten in der Welt, mitten im rauhen Kampfe um Gründungeiner neuen Lebensexistenz. Da hatte er seine Elsa kennen gelernt und ihr holdes Wesen,umwoben vom Zauber der Unschuld, Reinheit und Herzensgüte hatte den unruhigenMann zum innigliebenden Gatten gemacht. Und als ihm seine Lieb' noch die kleineLina geschenkt, da jubelte er auf in Wonne und Glück und glaubte für immer Ruhegefunden zu haben. Allein es war nur die Ruhe vor dem Ausbruch des tobenden Ge-witters. Wie der Sturm nach tagelanger Schwüle mit doppelter Heftigkeit Alles ent-wurzelnd über die Gefilde dahin braust und der Hagel die Hoffnung des händeringendenLandmannes vernichtet, so entfesselten sich mit doppelter Gewalt die Leidenschaften inPauls Brust und trauernd mußte Elsa sehen, daß all' ihre Liebe nicht die Leere in derBrust ihres Mannes auszufüllen vermochte. Wenn dann, nachdem er die Nacht anseinem Arbeitstische zugebracht hatte oder ruhelos umhergeschweift war, die geröthetenAugen seines treuen Weibes schaute, dann schnürte es ihm wohl krampfhaft das Herzzusammen, dann drückte er seine Lieb an die Brust und suchte mit innigen Küssen dieSpuren der Thränen zu vertilgen. In solchen Augenblicken fühlte er wieder den Zauberdes hingebenden, reinen Wesens seines Weibes und er gelobte, den Dämon der Unruhe,des Ehrgeizes und Hochmuthes, der ihn stets zu neuem rast- und friedlosen Strebenverführte, zu bändigen und nur seine Elsa und seinem Kinde zu leben.

Was hatte ihn all sein rastloses Ringen und Streben, sein unruhiges Forschenund Haschen geholfen? Die Ruhe war dahin; die Wissenschaft, die sich so oft selbst wider-sprach, konnte ihm nicht den Frieden wiedergeben, den einst das Gebet über ihn aus-gebreitet hatte. Und was stand vor ihm?! Konnte er zurück? Muhte er vorwärts?!Lange, lange kämpften die Geister in der Brust des Mannes endlich erhob er sich.