Wahrer und Phantasie-Kaffee.
Von vr. I. A. Schilling.
Ich muß sofort Anfangs bemerken, daß die wirklichen Kaffeebohnen die Samen desImmergrünen Kaffeebaums sind, dessen Vaterland Abyssinien ist und der dortselbst 8 bis10 selbst 20 und 30 Fuß hoch wird. Derselbe wird in Pflanzschulen gesät und sechsMonate alt verpflanzt, nach 3 Jahren trägt er Früchte und solche unter günstigen Um-ständen 20 Jahre lang fort. Im Süden vom Niger bis Sierra Leone wächst er wildund an mehrern Stellen so zahlreich, daß er ganze Wälder bildet. Gebaut wird er auchim glücklichen Arabien und Jemen, im südlichen Vorder- und Hinterindien , — in Java,wohin er seit 1690 aus Arabien verpflanzt wurde in Manila, Sumatra, in West-Indien (dahin seit 1717 gekommen) in Surinam, Brasilien und auf den Südsee-Jnseln.
Der Baum verlangt ein beständig warmes Klima von mindestens 18—20° Wärme,wobei das Thermometer nicht unter 1l)0 0. Wärme sinken darf. Ich sage dies, wohlManchen schon Bekannte deshalb, weil vor nicht langer Zeit ein paar hochgestellte Damenmir auf Ehrenwort versicherten, daß drunten in der bayrischen Nheinpfalz, ganze Feldervoll echte wirkliche Kaffeebohnen gebaut würden, — wie man etwa bei uns Saubohnenkaut, daß sie diese gemahlenen Bohnen mit eigenen Augen geschaut, selber daraus bereiteten,sehr wohlschmeckenden Kaffee getrunken hätten und dieser ganz gewiß ein wohlschmeckendesGetränk gewesen. Da alle meine Ueberzeugungsgründe statt die Damen zu belehren, dasGegentheil bewirkten und die Herrschaften böse wurden und mich der Rechthaberei be-schuldigten, — so brach ich ab und ließ Ihnen den echten, wahren, selbst sogar in Blumen-töpfen, wie auf den Feldern gezogenen, selber mit Augen geschauten Mocca. GlücklichePfalz ! Drum doppeltes „Gott erhalt's. Das Räthsel dieser Behauptung wird sich!m Verlaufe dieser Plaudereien bald lösen. — Ich will nur vorher noch einiges vomKaffee wie solcher in den botanischen Büchern und auf Ceylon oder in Persien auffreiem Felde steht, — in Kürze berichten.
Der Gebrauch des Kasfee's geht bis in die ältesten Zeiten zurück, und zwar nichtals Getränke, sondern — als Speise. Die Gallasstämme (Negervolk im südafrikanischenTafellande) bedienten sich seiner wohl zuerst, indem sie die gerösteten Bohnen quetschten,mit Butter vermischt zu Klösen geformt aus ihren weiten Zügen als eine nahrhafteund Ausdauer verleihende Speise mit sich führten. Also leibhaftige Kaffeeknödelzur Bereicherung unserer an Klüsen nicht armen Kochbücher. — Dieses prächtige Väumchenmit seinem dunkelgrün glänzenden Laube und seinen blaßweißen wohlriechenden Blüthenträgt in Büscheln stehende Früchte, die unseren Kirschen ähnlich sehen. Das Fleisch wirdabgequetscht und der Kern oder Same ist die Kaffeebohne. Zwei Bohnen zusammenbilden den Kern dieser kirschartigen Frucht. Seines Nutzens halber wurde der erst seit400 Jahren in Arabien als allgemeines Getränk benützter Kaffee vor etwa 150 Jahrenvon Java aus in die holländischen Kolonien übergepflanzt. Seitdem ist er einer der größte»wenn auch jüngsten Tyrannen unserer civilisirten Gesellschaft geworden. Diese Fruchtist auch immer eine treue Begleiterin des giftigen Tabaks geblieben.
Im Anfange des 17. Jahrhunderts zählte Kairo schon 1000 Kaffeehäuser. Vonda aus verbreitete sich sein Genuß nach Konstantinopel von woher ihn der GesandteMohamed' s IV. an den Hof Ludwig XIV. brachte. Der deutsche Arzt und ReisendeNauwolf hatte in seiner „aigentlichen Beschreibung der Naiß in dieMorgenländer 1582" zuerst seinen Landsleuten von diesem Getränke erzählt. InEngland erstand das erste Kaffeehaus in London 1652 durch einen Griechen NamensPasqua (Viixinia Gakö Ilouso). In Deutschland breitete sich die Kaffeekneiperei trotzverschiedener Widerstände von Seite der Obrigkeiten rasch aus nachdem er von Frankreich her (erste Kaffeehäuser 1670 in Marseille, 1671 in Paris ) Eingang gefunden hatte. An:Brandenburger Hof war der Kaffee schon bald nach dem Jahre 1670 bekannt. In Wien wurde das erste Kaffeehaus 1683 eröffnet, in Negensburg und Nürnberg 1686, in Ham-burg 1687, in Stuttgart 1712, in Augsburg 1713, in Prag 1714 und in Berlin 1721