Ausgabe 
(18.7.1883) 57
 
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s. >v. Die Gefammt-Production aller Kaffee-Pflanzungen soll für das einzelne Jahrg700 Mill. Pfund betragen. Man kann sich hieraus leicht einen Begriff machen» welch'große Anzahl von Bäumen hierzu nöthig ist, wenn man erfährt, daß in Brasilien einKaffeebaum nur 1'/.,3 Pfund, in Arabien 56 Pfund Bohnen liefert.

Daß der Kaffee nicht nur ein Luxusgenußmittel, sondern auch eine Art Nahrungs-mittel sei, ist schon oben bei den Kaffeeklösen der Gallasneger angedeutet worden.Der Kaffee enthält kaffeegerbsaures Kali-Kaffein 35"/,,, Legumen (Erbsenstoff) 10^,Fett 10"/o, Zucker 15"^, Salze 6"/., freies Kaffem 0,8"/,.. Durch das Rösten werdendie Bohnen leichter, jedoch größer. Sie schwellen nämlich durch die Wärme an und be-kommen wegen der brennölig-aromatischen Substanzen, die dabei entstehen, einen Wohl-geruch sowie etwas Bitterstoff. Je nach der Farbe des Röstens verliert der Kaffee mehroder minder an Gewicht und gewinnt dabei an Umfang. Zum Beispiel ein rothbraungerösteter Kaffee verliert an Gewicht 15"/ und gewinnt an Umfang 30".',, kastanienbraungeröstet verliert er 20"/,, an Gewicht, gewinnt aber dafür 60".,, an Volumen; bei dunkel-brauner Rüstung verliert er 25"^, an Gewicht und gewinnt gleichfalls 50"/ an Masse.

Am angenehmsten ist das Aroma, wenn die Hitze nicht größer ist als hinreichend,um der Bohne eine hellbraune Farbe zu geben. Daß weiches Wasser oder der Zusatzvon kohlensaurem Natron zum Wasser den Kaffee besser auszieht, kräftiger und wohl-schmeckender »'.acht, ist wohl längst bekannt, aber nicht alle Kaffeebereiterinnen kennendies offene Geheimniß. Der Kaffee wirkt ähnlich auf den Magen wie der Weingeist.Kleine Mengen regen die Verdauung an, größere verlangsamen oder unterbrechen sie.Der Kaffee kann im Magen wie im Blute ein Sparmittel werden. Außerordentlich großePortionen starken Kaffee's wirken giftig und tödtlich durch Herzlühmungsn, wie Finger-hut , Nisßwurz und dergleichen.

Bei Mißbrauch des Kaffee's durch allzu häufigen Genuß großer Portionen leidetdie Verdauung, das Gehirn wird gereizt, der Charakter des Menschen launenhaft. Dochentstehen auch beim Uebergcnuß von Kaffee nicht jene furchtbaren Folgen, wie nachWeingeistkneiperei, z. B. in Schnaps, wodurch häufig entzündliche Neizungen Krebs-bildungen, Willenslähmung, Irrsinn, Selbstmord bedingt werden.

Wichtig ist die diätistische Wirkung des Kaffee's auf unsere geistigen Thätigkeiten.Derselbe regt die Phantasie an, jedoch stetiger wie die geistigen Getränke und drängtdabei nicht das Urthcilsvermögen zurück. Im Gegentheile, die Urteilskraft wird dadurchgesteigert, die Sinneseindrücke werden schärfer, es entsteht ein gewisser Drang zu geistigerProduktivität, ein Treiben der Gedanke» und Vorstellungen, eine Beweglichkeit und Gluthin den Wünschen und Idealen, das aber weniger Neues schafft als schon das im GeistVorhandene lebendiger gestaltet. So wird es uns nicht nur verständlich, warum wirMorgens nach dein Erwachen mit dem Reizmittel des Kaffee's unser Gehirnleben raschin Fluß bringen und nach dem Essen es antreiben, sondern wir begreifen es auch, warumein Magen, der mit faden, kraftlosen Speisen angefüllt, ein Gehirn, das von dünnemschlecht ersetztem Blute durchströmt wird, kurz, warum ein Bettler auch nach Kaffee ver-langt und sich glücklich fühlt, wenn er Kräftigung aus der Tasse getrunken ohnedabei eine moralische Niederlage zu riskiren, wie beim Schnapsgenusse.

Daß man es schon lange gefühlt und gewußt hat, daß der Kaffes nährendeEigenschaften besitzt, geht daraus hervor, daß man in dem schwäbischen AlpendorfeGenkingen 1817, in dem bekannten Hungerjahre, zum ersten Male Kaffee trank, wo-selbst er aus dem Luxusgetränke der Vornehmen zum Nahrungsmittel der Armen gewordenist, wie dies noch heute bei uns der Fall zu sein pflegt. Ein Kaffee, der aus gleichenTheilen Milch und Kaffeeaufguß besteht enthält sechsmal so viel Nährstoff und dreimalso viel stickstoffhaltige Bestandtheile als die gewöhnliche Bouillon.

Daß durch Uebermaß wie Alles in der Welt, so auch der Kaffee schädlichwirken kann, bedarf keiner Erklärung.Im rechten Maß, zur rechten Zeitk"lautet auch hier der Wahlspruch. Wenn gewisse Gelehrte den Kaffee als den Sünden-