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Lock sür alle möglichen körperlichen, geistigen und sozialen Gebrechen anschwärzten und ihmsogar Buckel und Säbelbeine in die Schuhe schoben, so ist dies übertriebene Narrethei.Der furchtbare Tadel, den sich der Kaffee mußte schon vielfach gefallen lassen, rührt garmeist von Personen her, die aus natürlichen Körperanlagen denselben durchaus nicht ver-tragen und denen er darum verhaßt ist. So hatte Goethe stets Abneigung gegenKaffee, weil er bei ihm niederschlagend und mattmachend wirkte, ihn traurig stimmte, seineEingeweide schwächte und ihn ungeheuer beängstigte. Solche Idiosynkrasien sind jedochnur Ausnahmen. — Der echte erste und wirkliche, gute, unverfälschte Kaffee verdient alsodurchaus nicht den Tadel, den er schon seit vielen Jahrzehnten erfahren mußte. Schäd-lich dagegen, krank und siechemachend wirkt aber der Phantasie-Kaffee, d. h.<ein Kaffee dem Namen nach, der aber mit echtem Java oder Mocca etwa soviel gemein-sam hat, wie etwa ein saurer Seewein mit echter Liebfrauenmilch oder ein österreichischsogenanntes bayrisches mit dem Münchner Salvatorbier.
Auch jene, wenn auch aus wirklichem Kaffee hergestellten Abkochungen, zu denenauf den Liter kaum zehn Bohnen gerechnet werden — der sogenannte Blümchen-Kaffee ist eine mägenverderbende Brühe. —
Surrogate für den immer noch ziemlich kostspieligen Kaffee gibt eS in Unmasseund die Industrie hat redlich dafür gesorgt und thut dies täglich noch, um dem selber-wollenden Publikum ein L für ein U vorzumachen; damit dieses seine Mägen täglichbedrohe und betrüge. Ein wirkliches Surrogat für den Kaffee gibt «s nicht;ebensowenig, wie für den Wein, weil kein nachgemachter Kaffee in seiner chemischen Zu-sammensetzung und in seinen Bestandtheilen auch nur irgend eine Ähnlichkeit mit demechten Kaffee besitzt. Kein Surrogat besitzt das Koffein oder einen ähnlichenStoff, der das Wirksame und Charakteristische im Kaffee allein bildet.
Während der schlechtere Theil der Armuth in Branntwein zu Grunde geht, stirbtder schwächere und bessere Theil der Armen an den Kaffee-Surrogaten, den geröstetenund gemahlenen Cichorienwurzeln, Runkelrüben, Eicheln und dergleichen. DieseStoffe enthalten etwas Stärkmehl, Dextrin (Stärkegummi) und Zucker, ja das sogenannteKaffeeextract ist größtentheils sogar gerösteter Zuckerrückstand (Caramel), könnte alsoetwas zur Ernährung beitragen, wenn derlei Surrogate nicht noch nebenbei auch Schimmelund andere Produkte fäuliger Gährung aus den Fabriken mitbrächten und nicht eineFabrik die andere an schöner Verpackung und billigen» Material überböte. — Bekanntist ja die Geschichte einer Niederländer Fabrik, die eine Prämie von 1000 Gulden fürden Nachweis einer Fälschung anbot, während unter dem schönbedruckten Umschlage nebenCichorien pulver auch viele gemeine Torferde war.
Der Nährwerth von 1 Pfund Raps-, Mohn- oder Sesamöl ist durschschnittlich zehn-mal größer als der von 1 Pfund bester Cichorie und doch kostet diese annäherndhalb so viel als Oel. Die Kaffee-Surrogate sind ein diätetisches und nationalökonomischesUnglück, liefern anstatt Nährstoff ein förmliches Spülwasser für Millionen Männer,Frauen und Kinder, die um gleiches Geld auch eine Mehlsuppe mit Fett, Käse oderBohnen immer mit weit größerem Nahrungsstoffe haben könnten, wenn man es der Mühewerth erachtete, diese diätetische Lotterie wahrzunehmen, die mit ihren Nieten ganze Völkeraussaugt, um mit ihren Treffern wenige Producenten zu bereichern. „Bettlerkafferund Branntwein", sagt Doktor Sonderegger, sind die Schlüssel, die jedesArmen- und Zuchthaus öffnen, Instrumente mit denen die Negierenden den Ast absägen,auf dem sie sitzen. — Kurz und gut; fast keinem einzigen Surrogat kommt irgendetwas von der wohlthätigen Wirkung des echten Kaffee's zu. — Dagegen führen dieSurrogate verschiedene Gesundheitsstörungen in ihrer Begleitung. Sodbrennen, Magen»beschwerden, Appetitlosigkeit, fortwährend saurer Geschmack im Munde, Brechreiz imnüchternen Zustande, Verstopfung und zeitweilige schmerzhafte Durchfälle, weiters Muskel-schwäche, Zittern der Hände, unruhiger Schlaf, Krämpfe, Nervenleiden, selbst Blindheit