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mal aber eine sehr ernste Wendung in dem traulichen Verhältniß herbeiführte. Da derjunge Mann in der Gesellschaft der Frauen während des Fahrens nicht rauchen wollte,verließ er, kaum als der Nuf des Kondukteurs ertönte: „Zehn Minuten Aufenthalt!"das Koupee und zündete sich eine Cigarre an. Als bald hierauf wieder das Zeichenzum Einsteigen gegeben wurde, löschte er die nur bis zur Hälfte angerauchte Cigarreaus wickelte sie sorgfältig in ein Papierstück und steckte sie zu sich. Die Braut in axohatte hierbei ihren Zukünftigen beobachtet, und von diesem Augenblicke an — erkaltetewie die Cigarre, auch ihre Zuneigung zu dem Bräutigam. Sie hatte diese Wandlungen,die in ihrem Inneren vorgegangen, vor Niemanden merken lassen; sie bewahrte dasGeheimniß in sich mit aller Sorgfalt. Erst zu Hause angelangt, erklärte sie ihrer Mutter,daß sie diesen Richard nie und nimmer heirathen werde, weil er ein Geizhalz sei, dennnur ein solcher werde eine angebrannte Zigarre auslöschen und zu sich stecken. — Wennnur die schöne Sofie nicht allzu vorschnell geurtheilt hat? Kann nicht Richard auch nurein passionirter Raucher gewesen sein und die Cigarre ihm besonders gut geschmeckthaben? Unbedingt aber kann sich Richard gratuliren, daß er seine Braut los ist, dennmit dieser Liebe muß es nicht weit Hergewesen sein.
(Die historische „Martinswand") wird durch die Eröffnung der Arlberg-bahnstrecke „Jnnsbruck-Landeck", welche am Mittwoch stattfand, allgemein zugänglichwerden. Früher war es nur dem kühnen Bergsteiger vorbehalten, den Punkt zu be-suchen, auf dem vor vierhundert Jahren Kaiser Mar in Gefahr schwebte. Heute ist diesanders geworden. Wie die Eisenbahn stets Kultur und Bequemlichkeit bringt, ist auchim Hinblick auf den zu erwartenden Fremdenverkehr ein bequemer Pfad in den Steingehauen worden, und in einer halben Stunde kann man ziemlich bequem die Grotte derMartinswand, von welcher aus man die schönste Aussicht genießt, erreichen. Im Gast-hof » Zur Post" in Zirl wohnt sich's gut und bequem, und mit der Eröffnung der Bahnwird der wenig bekannte Ort allmählich ein Zielpunkt des Touristenverkehrs werden.
(Weibliche Aerzte.) Die Preisvertheilung an der medizinischen Schule inLondon hat Gelegenheit geboten, die neue Institution der weiblichen Aezte interessant zubeleuchten. Vor einigen Jahren hatte eine Anzahl Damen die Erlaubniß nachgesucht,einen medizinischen Kursus in den Spitälern hören zu dürfen, und man hatte diesesVerlangen mit. nicht allzu freundlichen Glossen begleitet. Heute gibt es an der Lon-doner medizinischen Schule 40 Hörerinnen der Medizin, deren Erhaltung und Studiumungefähr 3000 Pfd. St. jährlich kostet, welches Geld durch Subskriptionen und Schenk-ungen aufgebracht worden ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben bewiesen, daßFrauen sich vollkommen zur Ausübung des ärztlichen Berufes eignen und daß man siemit Vorliebe zu Behandlung von Kindern und Personen ihres Geschlechts ruft. Nament-lich in Indien sind die weiblichen Aerzte sehr gesucht, und in Bombay wurden kürzlich40,000 Rupien votirt zur Deckung der ersten Kosten eines Etablissements für Damen,die mit einem ärztlichen Diplome versehen sind.
(Die historische Windmühle bei Sanssouci ) hat bei ganz ruhigem Wettereinen Flügel verloren; die anderen sind so morsch, daß sie der Sicherheit wegen entferntwerden müssen. Ob die Flügel durch neue ersetzt werden sollen, will man der Ent-scheidung des Kaisers Wilhelm anheimstellen, doch glaubt man nicht an Wiederherstellungder Mühle, die sich als solche nicht bewährt hat und lediglich als Reliquie zur Erinnerungan die Gerechtigkeit Berliner Richter und Friedrich des Großen gepflegt wurde.
(Schlechte Zeiten.) Mann: „In dieser Zeit ist es schwer, seinen Kopf überWasser zu halten." — „Frau: das wäre gar nicht schwer, wenn Du den Deinen nichtimmer über den Maßkrug halten würdest!"
(Schmeichelhaft.) „Der Pfad ist so schmal; wir müssen den Gänsemarsch»Nachen — gehen Sie voran, Fräulein Elsa."