Ausgabe 
(21.7.1883) 58
 
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Ängslmrger PostMmg."

Nr. 58. Samstag, 21. Juli 1663.

Ein Jahr Jogenleben.

Von Georg Aumüller.

Zweites Kapitel.

Aus vollen AthemzügenSaug ich, Natur, aus dirEin schmerzliches Vergnügen.Wie lebet,

Wie bebet,

Wie strebetDas Herz in mir!

Acht Tage sind verflossen. Aus einem einsamen Alpenthale wandelt um Mittageine Frau, den Weg zur nächsten Eisenbahnstation, die sie unfern erblickt. , Vor ihrhüpft ein etwa vierjähriges Mädchen, und hascht nach den Schmetterlingen, die neckendsie umtanze». Man erkannte auf den ersten Blick Mutter und Kind. Erstere war einemittelgroße, schlanke Gestalt, deren zarte Glieder von einem grauen, anschließenden Kleideumhüllt wurden. Das Gesicht konnte schon keinen Anspruch auf eigentliche Frauenschön-heit machen, aber aus dem großen, braunen Auge blickten so viel Güte, Liebreiz undfast mädchenhafte Schüchternheit, daß es über das ganze Wesen einen Zauber von Lieb »lichkeit verbreitete, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Unter dem breiten, weißenStrohhute quoll eine Fülle brauner Flechten hervor. Jetzt wandte sich das Mädchen,ein liebliches blondes Kind, dessen klarem, fröhlichem Auge man es ansah, daß noch keinFrost des Lebens sich darauf herniedergesenkt hatte, zur Mutter mit der Frage, ob dennder Zug noch nicht bald komme, der den Papa bringen sollte. Als Antwort hörte man

das heftige Pusten des Dampfrosses und wenige Minuten später lagen Weib und Kind

in den Armen Pauls, der den ersten Feiertag aufgebrochen war, um wieder bei seinenLieben zu weilen. Wer die Drei jetzt des Weges ziehen sah, hätte meinen können, dieWelt trage keine glücklicheren Menschen. Und in der That ruhte auch der Schimmerdes beglückenden Friedens auf den Gesichter». Jetzt betraten sie ein einfaches Häuschen,dessen mit Steinen beschwertes Schindeldach kaum über die fruchtbedeckte» Obstbäumehervorragte, die es von allen Seiten dem Blicke verhüllten. Auf der Schwelle empfingenEva, die treue sorgsame Begleiterin ihrer Herrin und Agathe, die Besitzerin des kleinenAnwesens die Kommenden. Letztere, die einfache, gerade Wittwe eines VolksschullehrerS,der den Tod in der Blüthe seiner Jahre hinweggerafft hatte, bot Alles auf» ihren Gästenden Aufenthalt recht angenehm zu machen. Nun ging es an ein Fragen und Erzählen

und Wünschen und Versichern, daß man glauben konnte, die Leute stünden nach jahre-

langer Trennung und kurzem Wiedersehen vor einem neuen Abschiede. Die kleine Linahatte sich an des Vaters Brust geschmiegt und schmeichelte ihm Liebesworte um Liebes-worte ab. Elsa hielt des Gatten Hand in der ihrigen und lauschte in Glück und Wonneseinen Worten. Erst als er von seiner Aufnahme in den Bund der Freimaurer sprach,senkten sich Trauerwolken auf die Stirne des liebenden Weibes aber kein Wort desTadels kam über ihre Lippen; nur ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust, als